Die „Schneetänzerin“-Trilogie: Im Gespräch mit Judith Nicolai

Judith Nicolai verwebt in ihrer „Schneetänzerin“-Trilogie die verschiedenen subjektiven Erlebnisse von Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs. Besonders ihre Mutter beeinflusste sie sehr mit ihren Geschichten, obwohl diese während des Krieges noch ein kleines Mädchen war. Aber diese Zeit ist vielen Menschen so prägend in Erinnerung geblieben. Eben besonders auch die vielen unterschiedlichen Kriegsschicksale, wie die Auslöschung ganzer Männergenerationen und die Verzweiflung der Frauen, die auf die Rückkehr ihrer Geliebten warteten. Im Interview erzählt Judith Nicolai unter anderem weshalb ihr ihre Protagonistin Anna ganz besonders ans Herz gewachsen ist. Das Gespräch führte Susann Harring.

Frau Nicolai, was fasziniert Sie an Ihrer Hauptfigur Anna so, dass Sie ihre Geschichte erzählen wollten?
Annas Geschichte steht für mich stellvertretend für das Schicksal vieler Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs jung waren. Sie haben nicht nur Tod, Zerstörung und zum Teil den Verlust ihrer Heimat erlebt, sondern auch andere Verletzungen: das jahrelange Warten auf den Freund oder Verlobten, wenn der vermisst oder in Gefangenschaft war, die Gewissensnöte, wenn sich die Liebe trotz allem wieder in ihr Leben geschlichen hat. Nicht zuletzt die Tatsache, dass der Krieg vielen Frauen aus Annas Generation die Chance geraubt hat, zu heiraten und eine Familie zu gründen – ganz einfach aus dem Grund, dass ganze Jahrgänge junger Männer quasi ausgelöscht worden waren. Auch das sind Kriegsschicksale, die aber oft vergessen werden.

Frau Nicolai, Annas Leben, ihre Reise und ihre Weggefährten wirken extrem authentisch: Ostfront in Preußen, amerikanische Soldaten in Bremen, Überfahrt in die USA. Wie haben Sie für die „Schneetänzerin“-Trilogie recherchiert?
Natürlich habe ich mich viel in Bibliotheken herumgetrieben. Es gibt außerdem eine Reihe hochinteressanter Oral-History-Projekte, in denen Zeitzeugen ihren Alltag in Krieg und Nachkriegszeit schildern. So etwas ist für eine Geschichte wie „Schneetänzerin“ natürlich unglaublich wertvoll. Auch meine Mutter hat sehr klare Erinnerungen an diese Zeit und die Jahre danach, obwohl sie bei Kriegsende noch ein kleines Mädchen war. Ihre Erzählungen haben mich natürlich auch beeinflusst.

Was uns von Anfang an begeistert hat, ist Ihre anschauliche und mitreißende Sprache. Wie gehen Sie an das Schreiben heran? Wann fließen die Ideen und die richtigen Worte besonders gut?
Zu meinem Leidwesen gehöre ich eher zu den unstrukturierten Schreibern. Bei der „Schneetänzerin“ habe ich mich – mit nicht viel mehr als einer vagen Idee und ein paar Bildern im Kopf – hingesetzt und angefangen zu schreiben. Oft wusste ich noch nicht einmal, was im nächsten Kapitel passieren würde. Das hat mich manchmal fast in die Verzweiflung gestürzt. Tatsächlich fließen die Ideen – oder tröpfeln zumindest – am ehesten bei monotonen Arbeiten, die die Hände beschäftigen, aber das Gehirn nicht beanspruchen, zum Beispiel beim Unkraut jäten oder Socken stricken. Nach der „Schneetänzerin“-Trilogie muss in meiner Familie immerhin niemand mehr Angst vor kalten Füßen haben. (lacht)

Frau Nicolai, in „Schneetänzerin“ haben Sie das Leben auf dem Gutshof so bildlich und schön beschrieben, dass man meinen könnte, Sie wären selbst auf einem solchen Hof aufgewachsen …
Auf einem herrschaftlichen Anwesen bin ich zwar nicht groß geworden, aber trotzdem auf dem Land zwischen vielen Katzen, Hunden und Hühnern. Wenn ich nicht auf Bäume geklettert bin, habe ich mich auf dem Pferdehof herumgetrieben – ganz ähnlich wie Anna. Daher gehören sonnenbeschienene Kornfelder, knorrige Pflaumenbäume und Waldheidelbeeren auch für mich zum Begriff Heimat.

Frau Nicolai, welche Lese-Vorlieben haben Sie selbst? Gibt es ein Buch, das Sie selbst gern geschrieben hätten?
Mit elf, zwölf Jahren habe ich die Bücherregale meiner Eltern geplündert und alles gelesen, was ich eigentlich noch nicht lesen sollte – Die Dornenvögel, Die Nebel von Avalon, Angelique … Vermutlich hat mich diese Lektüre nachhaltig geprägt. Heute lese ich eigentlich fast alle Genres, und immer noch darf es gern ein bisschen romantisch sein.

Die Protagonistin Anna hat trotz ihrer schweren Verluste großes Glück, ihren Weg nicht allein gehen zu müssen. Welche der Figuren, die Anna begleiten, mögen Sie als Schöpferin besonders?
Obwohl sie keine tragende Rolle spielt, ist mir Evelyn – das Mädchen, das gemeinsam mit Anna die Reise nach Boston antritt – besonders ans Herz gewachsen. Sie war eine der wenigen Figuren, von der ich von Anfang an ein ganz klares Bild vor Augen hatte. Ich mag ihre schnoddrige, manchmal ziemlich egoistische Art, hinter der sie ihre Verletzungen verbirgt. Deshalb musste Evelyn auch ihr eigenes Happy-End bekommen. Und natürlich habe ich eine kleine Schwäche für Captain Boyd …

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