Im Gespräch mit Claire Hoffmann über „Die Liebe zum Regen“!

In dem neuen Roman „Die Liebe zum Regen“ beschäftigt sich Claire Hoffmann mit einer ganz bestimmten Phase des Lebens. Ihre Heldin Vera ist im besten Alter, dennoch zerbricht ihr vorheriges Leben gerade in Stücke. Um sich auszuprobieren reist sie nach London als Au-pair, um sich neuen Herausforderungen zu stellen. Doch diese Reise und das Neue wird wohl eher eine Reise zu sich selbst, denn Vera muss sich wiederfinden, indem sie unzählige Male über ihren eigenen Schatten springt. Die Autorin selbst ist nämlich der Meinung, dass das Leben erst in vollen Zügen genossen werden kann, wenn der Lebensweg auch einmal in einer Sackgasse verläuft oder unsanfte Lektionen verteilt werden. Denn nur so können Erfahrungen gesammelt und entschieden werden, welches der wirklich wahre Lebensweg ist. Ein wunderbarer Rat, den die Leser von der absolut real wirkenden Vera lernen können.

Worum geht es in Ihrem Roman?
Es geht um Vera, eine Frau im besten Alter, deren Leben in Stücke bricht und die nach London flüchtet, ausgerechnet als Au-pair. Obwohl sie weder besonders mutig noch erfahren mit Kindern ist. Sie landet in einer Familie mit drei Töchtern, ist aber zunächst so mit sich selbst beschäftigt, dass sie etwas Entscheidendes übersieht, nämlich, dass etwas in dieser Familie überhaupt nicht stimmt.

Was ist für Vera die größte Herausforderung in ihrer neuen Rolle als Au-pair?
Sicher die Unterschiedlichkeit der drei Mädchen, um die sie sich dort kümmern soll. Jede ist auf ihre Weise extrem. Zoë, die Kleine, hängt wie eine Klette an ihr und erdrückt sie fast mit ihrer Liebe, dazu ist sie enorm witzig. Die mittlere Tochter, Ruby, stellt sie vor große Rätsel, sie ist verschlossen und Vera braucht sehr viel Geduld, bis sie sich öffnet. Dann aber überrascht sie mit, ja, fast so etwas wie Weisheit. Amanda versucht das neue Au-pair mit den krudesten Mitteln zu vertreiben, aber auch sie hat ihre Gründe. Ich liebe aber auch die Passagen, wo Vera sich anstecken lässt von der Verrücktheit der Mädchen und selbst für Augenblicke zum Teenager mutiert. Vielleicht ist es komisch, das zu sagen, aber mir ist manchmal, als existierten meine Figuren irgendwo.

Welche Eigenschaften schätzen Sie an Vera am meisten?
Sie hat so einen etwas verqueren Charme und ich liebe ihre Selbstironie. Und natürlich hat sie ein gutes Herz. Es liegt eben bloß etwas weiter hinten im Gestrüpp versteckt. Ich mag es, wie sie sich selbst im Weg steht. Und sich dann doch ins Leben stürzt. Ihr ist vieles peinlich und einiges fällt ihr nicht leicht, später aber ist sie zu ganz erstaunlichen Dingen fähig.

Haben Sie im Lauf des Schreibens etwas von Ihren Figuren gelernt?
Ja, auf jeden Fall. Dass es sich lohnt, über den eigenen Schatten zu springen. Manchmal gerät man in eine Sackgasse, ohne es wirklich zu merken. Man entwickelt sich langsam in eine ungute Richtung, gewöhnt sich die falschen Dinge an oder vergisst, was einem wirklich wichtig ist. Ich glaube, es ist gut und wichtig, dass das Leben einem dann gern eine unsanfte Lektion erteilt. Indem es einen herauswirft aus der vermeintlichen Sicherheit, an die man sich klammert. Obwohl einem die gar nicht guttut, vielleicht. So ist man gezwungen, seinen Horizont zu erweitern. Was niemals verkehrt sein kann.

Wie verbringen Sie am liebsten einen Regentag?
Oh, ich mag Wetter! Nieselregen ist mir der liebste, er erinnert mich immer sehr an Hamburg, wo ich aufgewachsen bin und heute noch zur Hälfte lebe. Ich finde, das Zitat von John Ruskin stimmt: »Sonnenschein ist köstlich, Regen erfrischt, Wind kräftigt, Schnee erheitert. Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur verschiedene Arten von gutem.« Also verbringe ich ihn am liebsten so: den Vormittag am Schreibtisch, idealerweise mit Blick in den Himmel, und dann, wenn ich mein Pensum geschafft habe, gehe ich spazieren. Idealerweise an einem Fluss oder am Meer, in einem Park oder durch Straßen, die ich mag, oder durch eine Landschaft oder Stadt, die ich noch nicht kenne. Dann in einem Café trocknen und später Zuhause dem Geräusch des Regens lauschen und dabei lesen.

Was mögen Sie an England besonders?
Ich mag es, dass die Leute eigensinnig sind. Dass sie tolerant sind – und das hoffentlich auch bleiben. Die Selbstironie und den unglaublichen Witz der Leute. Ihre Begeisterung für Natur und Gärten und Pflanzen. Dass sie einander mit „love“ ansprechen. Dass alle Klischees stimmen und es doch noch so viel mehr gibt. Ich habe eine innere Wunschfamilie und die besteht fast ausschließlich aus Engländern: Maggie Smith als Granny, Rupert Everett und Stephen Fry als Cousins, David Bowie als Vater, Aphra Behn und Virginia Woolf als Ahnen, Tilda Swinton wäre dabei, Stella Mc Cartney und und und.

Verraten Sie uns Ihre Lieblingsorte in London?
Alles rund um die Themse. Die wundervollen Parks, den St. Katherine Docks Streetfood Market, den Charity Shop in der Nähe des British Museum, Fortnum & Mason. Den Ladies Pond in Hampstead Heath, den ich bisher nur auf Bildern und in der Vorstellung gesehen habe, werde ich beim nächsten Mal bestimmt besuchen.

Sie sind Schauspielerin und Romanautorin. War Ihre Erfahrung als Schauspielerin beim Schreiben hilfreich?
Unbedingt, ich glaube daran, dass ich mich in jeden Menschen hineinversetzen kann, eigentlich auch in andere Lebewesen. Ich glaube an die Macht der Fantasie und habe sie am eigenen Leib erfahren. Ich liebe Worte und habe schon immer intensiv mit Sprache gearbeitet. Doch das Schreiben empfinde ich als mindestens genauso aufregend wie das Spielen. Es ist harte Arbeit und zugleich hat es etwas von einem schwerelosen Wunder. Auch wenn es von außen so aussieht, als würde ich nur am Schreibtisch sitzen. In Wirklichkeit bin ich überall und hier und ganz weit weg …

Haben Sie Lieblingsbücher, Lieblingsautoren oder bevorzugte Leseorte?
Wie viel Platz haben wir? Ich liebe Bücher, schon immer. Mein Vater brachte zu jeder Frage, jedem Ereignis Bücher mit. Mein Freund hatte früher einen Buchladen. Ich wüsste kaum, wo ich beginnen soll. Lesen kann ich überall. Ich lese sogar beim Gehen und die Anschläge an öffentlichen Gebäuden auf Reisen, selbst wenn ich die Sprache nicht kann. Es könnte ja sein, dass ich doch etwas verstehe. Ich lese Romane und Sachbücher, Untertitel (ich gucke viele Filme) und Lyrik und Newsletter und Programme von Theatern und Zeitungen und Bildschirmtext und ich versuche in der U-Bahn unauffällig zu erspähen, was die anderen gerade lesen. Ich mag alles, was mit Empathie und Fantasie, mit Gefühl und Charme und Witz und Geist geschrieben ist. Was mich überrascht und auch verstört, irritiert und anregt und bereichert.

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