Interview mit Harlen Coben zu seinem Buch “In deinem Namen”

Harlan Cobens Spezialität besteht darin, die amerikanische Vorstadtidylle zu demontieren. Sein neuer Thriller „In deinem Namen“, der am 18.06.2018 erscheint, und die Netflix-Serie „SAFE“, die seit dem 10.05.2018 weltweit in 190 Ländern am Start ist, liefern aktuelle Beispiele.

Der Plot Ihres neuen Romans, „In deinem Namen“, rankt sich um eine Legende, die früher in Ihrem Heimatort in New Jersey weit verbreitet war. Was hat Sie auf die Idee gebracht, diese Legende ins Zentrum Ihres neuen Thrillers zu stellen?
Als ich aufwuchs, befand sich hinter der Riker Hill Grundschule ein abgesperrtes Gebiet mit „Betreten-Verboten“-Schildern, auf dem sich spätnachts ein geheimnisvolles Kommen und Gehen ereignete. Es kursierten Gerüchte, genau dort, nicht einmal hundert Meter von der Grundschule entfernt, befinde sich eine Basis für Nike-Raketen, die mit Nuklearsprengköpfen bestückt werden konnten. Als Kind glaubte ich nicht ernsthaft daran – aber als ich erwachsen wurde, fand ich heraus, dass es der Wahrheit entsprach! Das brachte mich zum Nachdenken…

Das Gelände der früheren Nike-Raketenbasis ist in Ihrem Roman verbotenes Terrain, offiziell befindet sich dort eine Forschungseinrichtung des Landwirtschaftsministeriums. Doch an dieser Lesart bestehen Zweifel, und ein Geheimbund von Jugendlichen versucht herauszufinden, was dort wirklich vor sich geht. Warum üben Verschwörungstheorien auf viele Menschen eine unwiderstehliche Faszination aus?
Ich habe 30 Romane geschrieben und weil ich ein Skeptiker bin, spielen darin Verschwörungstheorien nur selten eine Rolle. Ich glaube, dass Lee Harvey Oswald das Attentat auf John F. Kennedy allein verübt hat. Ich glaube, dass es die Mondlandungen wirklich gab. Ich glaube nicht, dass unsere Regierung im Geheimen Aliens versteckt oder ähnliches. Aber diese eine Sache – die, von die ich hier im Buch erzähle – nun gut, ich weiß dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass sie wahr gewesen sein könnte. Tatsächlich weiß ich, dass solche Orte wirklich existier(t)en…

Die mysteriösen Vorgänge auf dem abgesperrten Gelände stellen Ihren Thriller in einen großen weltpolitischen Kontext, den es aufzuklären gilt. Doch was treibt Detective Nap Dumas bei seinen Nachforschungen wirklich an?
Als Nap 18 Jahre alt war, starb sein Zwillingsbruder Leo unter mysteriösen Umständen. Gleichzeitig verschwand Naps Freundin. Besteht zwischen diesen beiden Ereignissen ein Zusammenhang? Könnte die geheime Militärbasis in ihrem Heimatort etwas mit den Vorfällen zu tun haben? Von diesen Überlegungen geht alles aus.

In der Nacht, in der Naps Zwillingsbruder ums Leben kam, verschwand auch Maura spurlos, Naps große Liebe aus der Highschool-Zeit. Was macht das Verschwinden von Personen für Sie so spannend, dass es als Motiv in Ihren Romanen stets wiederkehrt?
Wenn jemand ermordet wird, ist es vorbei. Der Tod ist endgültig. Man kann den Fall aufklären oder Gerechtigkeit erwirken. Aber die Person kann nie mehr zurückkehren. Wenn jemand verschwindet, gibt es Hoffnung. Es ist großartig, über Hoffnung zu schreiben, denn dabei geht es um Grenzerfahrungen. Die Hoffnung kann Menschen über sich selbst hinauswachsen lassen, aber auch widerstandslos innerlich zerbrechen.

In Ihren Romanen offenbart sich häufig das Vertraute als etwas Fremdes: Die Nachbarschaft eines ruhigen Vororts wird zum Schauplatz eines Verbrechens, ein enger Verwandte oder Ehepartner entpuppt sich als Mensch mit ungeahnten Facetten. Worin liegt für Sie der Reiz dieses besonderen Spannungsfelds?
In einem beschaulichen Pool kann schon ein kleiner Kieselstein Wellen schlagen. Das gefällt mir. Ich wähle gern einen vertrauten Schauplatz, einen Ort, an dem vielleicht einmal Träume in Erfüllung gegangen sind und man sich sicher wähnt, um dann zu beobachten, was passiert, wenn dort eine Kleinigkeit schief läuft. Man kann sich gut in Nap hineinversetzen, weil er einem ähnlich ist. Man teilt seine Hoffnungen und Träume.

Sie haben bisher 31 Romane veröffentlicht, von denen die letzten zehn alle auf Platz 1 der New- York-Times-Bestsellerliste standen, und gehören mit über 70 Millionen verkauften Exemplaren in 43 Sprachen zu den erfolgreichsten Autoren weltweit. Darüber hinaus entwickeln Sie Fernsehserien. Können Sie uns etwas über Ihre Arbeit für den Film erzählen?
Am 10. Mai geht „SAFE”, eine Netflix-Serie mit Michael C. Hall („Dexter“) und Amanda Abbington (bekannt aus der Serie „Sherlock“) in den Hauptrollen an den Start und zwar weltweit – auch in Deutschland. „SAFE“ ist ein Krimidrama mit schockierenden Wendungen das sich um eine bewachte Wohnanlage dreht, in der jeder ein Geheimnis hütet. Ich kann es kaum erwarten, bis die Serie ausgestrahlt wird.

Um sich vor Ablenkungen zu schützen, arbeiten Sie oft außer Haus. Sie sagten einmal, Sie könnten sich überall aufs Schreiben konzentrieren, egal ob in einem Café, einem Einkaufszentrum, auf einem Flug, im Taxi, am Strand oder in einer Bibliothek. Wo haben Sie sich bei der Arbeit an „In deinem Namen“ überwiegend aufgehalten?
An vielen unterschiedlichen Orten – zu Hause, in der Bibliothek, in Coffee Shops, auf Flughäfen, in Zügen. Sobald ich ein bisschen Zeit zur Verfügung habe, finde ich eine Möglichkeit zum Schreiben.

Was befindet sich heute in Ihrer Heimatstadt auf dem Gelände der Nike-Raketenbasis?
Sie sollten unbedingt einmal dorthin fahren! Die Ruinen stehen noch, und die früheren Kasernen werden jetzt von lokalen Künstlern als Ateliers genutzt.

© Goldmann Verlag
Interview: Elke Kreil

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