Jobien Berkouwer über ihr neues Buch „SUMMER GIRLS“

Wann kam Ihnen die Idee, ein Buch zu schreiben? Und war angesichts Ihres beruflichen Hintergrunds von Anfang an klar, dass es ein Thriller sein würde?
Die Idee für SUMMER GIRLS hatte ich bereits vor vielen Jahren, als ich die staatliche Polizeiakademie besuchte. Und ja, mir war sofort klar, dass es ein Thriller sein würde.

Ich war schon immer interessiert daran, kriminelles Verhalten verstehen zu wollen und habe früh unzählige Fachbücher von FBI-Agenten über Serienkiller und Straftäter-Profiling gelesen. In den Siebzigerjahren haben die beiden FBI-Agenten Robert Ressler und John Douglas begonnen, Gewalttäter zu interviewen. Für die damalige Zeit war das geradezu revolutionär und ließ vollkommen neue Rückschlüsse auf ihre Gedankenwelt und Motive zu. Die zentrale Frage war darin immer: Aus welchem Grund begeht ein Mensch ein so schreckliches Verbrechen – und was können wir daraus lernen, um in Zukunft weitere Opfer zu verhindern? Nachdem ich all diese Bücher gelesen hatte, konnte ich es kaum erwarten, die Theorie selbst in die Praxis umzusetzen, als ich meine Arbeit als Polizistin begann. Nach vielen Jahren des Lernens, voll harter Arbeit und Weiterbildung war ich schließlich Hauptkommissarin und Profilerin. Und dann war endlich auch die Zeit reif, SUMMER GIRLS zu schreiben. 2015 traf ich meinen Verleger, Joost van den Ossenblok, und entschied, meine ursprüngliche Idee nun umzusetzen. Ohne meine Ausbildung und meine langjährige Erfahrung bei der Polizei hätte ich das Buch nicht schreiben können.

Lesen Sie selbst privat Thriller und Krimis – oder ist Ihr beruflicher Alltag schon spannend genug?
Ja, wenn ich während meines Urlaubs Zeit habe, lese ich Thriller. In diesem Sommer habe ich beispielsweise in Italien „Mörderische Idylle“ von Leif Persson gelesen. Meine liebste Krimireihe ist jedoch die Wallander-Serie von Henning Mankell. Im Sachbuch habe ich „Ich jagte Hannibal Lecter” von Robert Ressler viele Male gelesen, genauso wie „Die Seele des Mörders“ von John Douglas. Leider können meiner Erfahrung nach tatsächliche Verbrechen oft noch viel grausamer sein als fiktionale. In dieser Hinsicht haben meine 20 Jahre Berufsalltag als Kommissarin und Profilerin also definitiv viel Spannendes mit sich gebracht.

Sie haben selbst als Profilerin bei der Polizei gearbeitet – ein Beruf, der in den letzten Jahren vor allem durch amerikanische TV-Serien bekannt wurde. Entspricht das, was dort gezeigt wird, tatsächlich dem Berufsalltag?
In den letzten Jahren wurden die Krimiserien im Fernsehen etwas realistischer. Allerdings zeigen nicht alle, wie viel harte Arbeit und wie viele zähe Überstunden tatsächlich Teil einer jeden Mordermittlung sind. Dennoch sehe ich sehr gerne skandinavische Krimiserien, wie zum Beispiel „Kommissarin Lund“ und „Die Brücke“. Meine liebste Krimiserie aller Zeiten ist jedoch „Heißer Verdacht“ mit Helen Mirren. Sie spielt darin eine Hauptkommissarin, die versucht, einen Mordfall aufzuklären, während sie sich gleichzeitig gegen die konservative, sehr männerdominierte Polizeikultur durchsetzen muss. Vieles davon habe ich in meiner eigenen Laufbahn selbst erlebt und auch in SUMMER GIRLS einfließen lassen. Daneben sind „Das Schweigen der Lämmer“ und „Manhunter“ natürlich großartige Filme. Letzteren sollte man aber auf keinen Fall ansehen, wenn man nachts allein zuhause ist!

Wie sieht heute ein typischer Arbeitstag für Sie aus?
Vor sechs Jahren habe ich den Polizeidienst quittiert und meine Beratungsfirma Black Swan Profiling gegründet. Als Profilerin berate ich Prominente und Unternehmen im Umgang mit Stalkern, Drohungen, Erpressung und Gewalt am Arbeitsplatz. Die meisten meiner Klienten sind in solchen Situationen verängstigt und völlig verunsichert, wie sie beispielsweise mit einem Stalker umgehen sollten. Gerade deren Effekte werden heutzutage noch immer häufig unterschätzt. Ein Stalker erzeugt enormen Stress, der sowohl das Privat- wie auch das Berufsleben stärker beeinflusst, als viele sich vorstellen können. Ich helfe meinen Klienten zurück zu innerer Ruhe, indem ich mit Ihnen gemeinsam versuche drei Fragen zu beantworten: Wer handelt (Täterprofil), wie gefährlich ist derjenige (Einschätzung des Gewaltrisikos), und wie können wir ihn oder sie schnellstmöglich dazu bringen, damit aufzuhören (Vorgehensstrategie). Wenn Prominente gestalkt werden, analysiere ich beispielsweise Verhalten und Kommunikation des Täters. Und je nach Stalkertyp und Risikoeinschätzung empfehle ich anschließend die richtige Umgangsweise mit der Situation, in enger Zusammenarbeit mit der örtlichen Polizei oder einer Sicherheitsfirma. Darüber hinaus biete ich auch Trainings und Vorträge zu diesem Thema an.

Wie viele Elemente in SUMMER GIRLS stammen aus Ihrem eigenen Erfahrungsschatz? Hatten Sie schon mit einem ähnlichen Fall zu tun?
Der Mörder in SUMMER GIRLS und seine Verbrechen sind reine Fiktion. Die Hauptfigur, Lot van Dijk, basiert jedoch auf vielen meiner eigenen Erfahrungen als Hauptkommissarin. Mir wurde schon oft gesagt, dass gerade diese Kombination aus Fakt und Fiktion mein Buch für viele Leser so interessant macht. Glücklicherweise hatte ich es in der Realität nie mit einer ähnlichen Mordserie zu tun –aber nichtsdestotrotz gab es einige, die genauso beängstigend waren.

Welche Elemente hatten Sie als erstes im Kopf? Fall, Täter oder Ermittlerin?
Der Mörder und seine schrecklichen Verbrechen waren als erstes da. Hier war es genau andersherum als in der Realität des Profilings, wo man es zunächst immer mit einem noch unbekannten Täter zu tun hat: Ich habe mir zuallererst den Killer vorgestellt, seine Persönlichkeitszüge, seine Motive und seine Hintergrundgeschichte. Seine Verbrechen haben sich daraus ganz logisch ergeben. Meine Erfahrung und Expertise waren in diesem Stadium extrem hilfreich. Ich konnte mir gut vorstellen, was sein nächster Schritt wäre, wie er sich verhalten würde – und warum. Welche Sorte Opfer er am wahrscheinlichsten auswählen und wie er es töten würde. Viele Leser sagen mir, dass sie sogar ein Stück weit Sympathie für den Mörder empfinden, wenn sie von den traumatischen Erlebnissen in seiner Kindheit erfahren. Und das ist genau das, was ich zu erreichen versucht habe. Niemand wird bereits als Mörder geboren. Dem ersten Profiler in der Geschichte der Niederlande, meinem Mentor Carlo Schippers, habe ich SUMMER GIRLS dann als Erstem zu lesen gegeben, bevor es veröffentlicht wurde.

Können und wollen Sie uns schon verraten, mit welchem Fall es Lot van Dijk im nächsten Buch zu tun haben wird?
Ich habe bereits den Plot konstruiert und mit dem Schreiben des zweiten Falls begonnen, aber alles andere behalte ich lieber noch für mich. Im Laufe des Schreibprozesses können sich einige Handlungsstränge noch ändern, weil einzelne Figuren stärker hervortreten, als ich es ursprünglich geplant hatte. Aber es wird definitiv genauso spannend wie SUMMER GIRLS und die Leser werden viel Neues über Lot erfahren – sowohl bezüglich ihrer beruflichen Herausforderungen als auch bezüglich ihres Liebeslebens …

Möchten Sie zum Schluss noch ein Grußwort an Ihre deutschen Leser richten?
Ich fühle mich geehrt, dass der Penguin Verlag 2018 meine SUMMER GIRLS auf Deutsch veröffentlichen wird. Ich habe versucht, meinen Lesern einen einzigartigen Einblick in die Welt des Profilings zu geben, der auf meinen eigenen Erfahrungen beruht – und ich hoffe, sie werden SUMMER GIRLS mögen! Vielleicht kann ich einige meiner deutschen Leser ja sogar irgendwann persönlich kennenlernen. Bis dahin viel Spaß mit SUMMER GIRLS – und lassen Sie es mich ruhig wissen, falls Sie eine Idee für einen Fall haben, den Lot in einem der folgenden Bände bearbeiten soll. Vielleicht kann ich sie ja einbauen!


Interview mit der Autorin
Die Profilerin Lot van Dijk wird aus Amsterdam in eine verschlafene Gemeinde auf dem Land versetzt. Die männlichen Kollegen nehmen die junge Frau nicht ernst, und abgesehen von ausgebrochenen Pferden gibt es für die Polizei nur selten etwas zu tun. Doch dann wird in einer Waldhütte nach einem Sturm eine Leiche gefunden. Lot sieht ihre Chance, sich zu behaupten, und erstellt ein Täterprofil. Es weist eindeutig auf einen Serienkiller hin, aber sie wird nur müde belächelt. Bis im Wald ein zweites ermordetes Mädchen gefunden wird. Denn nun liegt es an Lot, den Mörder aufzuhalten, bevor er sein nächstes Opfer findet …

Jobien Berkouwer arbeitete fünfzehn Jahre in verschiedenen Abteilungen der niederländischen Polizei, unter anderem als Hauptkommissarin. Heute ist sie als Profilerin tätig und berät außerdem Firmen und Privatpersonen im Umgang mit Stalkern, Erpressung und Drohungen. Sie ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Amsterdam

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