Rezension zu “Feuer & Feder” von Kathy MacMillan

Der Roman “Feuer und Feder” scheint auf dem ersten Blick im Orient zu spielen, in einer Zeit irgendwo im Mittelalter eingeordnet. Damals wurden schwächere Menschen, die fremd oder anders aussahen, nicht nur ausgegrenzt, sondern versklavt. Denn seit Anbeginn der Menschheit stellte sich ein Volk immer über das andere, um Macht und Überlegenheit zu demonstrieren. Dies geschah nur durch Krieg und Unterdrückung. So alt, wie die Geschichte auch sein mag, die sich Kathy MacMillan für ihren Roman ausgedacht hat, ist dafür heute umso präsenter.

Die 14-jährige Raisa wurde bereits in ihrem Kindesalter von ihrer Heimatinsel verschleppt und versklavt, ihre Familie wurde ermordet, weil sie Widerstand leistete. Von da an wächst Raisa zwar im Palast des Königs der Qilaren auf, ist aber zusammen mit anderen Arnath-Kindern dazu verpflichtet, die prunkvollen Säle zu putzen. Dabei kommen viele der Kinder ums Leben, denn um die Deckenverzierungen und Kronleuchter zu putzen, müssen sie oft in schwindelerregender Höhe auf instabile Gerüste klettern. Wenn den Wachen des Palastes langweilig wird, stoßen sie einfach gegen eines der Gerüste bis eines der Kinder herunterfällt und tödlich auf dem Boden aufschlägt.

Als Raisa beim Entstauben eines Regals eine Schriftrolle anstößt, werden zwei Wachen auf sie aufmerksam, die sie sofort wegen Verrats in den Kerker stecken wollen, denn den Arnath ist es verboten die Schriften der Götter zu berühren, zu lesen oder zu lernen. Zum rechten Zeitpunkt trifft Prinz Mati ein, der die Wachen zur Rede stellt und sich für Raisa einsetzt. Er schlägt sogar vor, dass Raisa zur neuen Jung-Tutorin ernannt werden sollte, weil sie das entsprechende Alter habe. Zur gleichen Zeit wird die ehemalige Jung-Tutorin des Hochverrats angeklagt, weil sie außerhalb der Schulungsräume Schriften übte und sogar an die Arnath weitergab. Sie wird auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Bei einer großen Zeremonie in den nächsten Tagen wird Raisa durch den Willen der Götter tatsächlich zur Tutorin ernannt und darf von nun an die niederen und die hohen Schriften der Qilaren lernen, um später einmal die Kinder des Prinzen zu unterrichten.

So sehr sich Raisa auch über diese neue Aufgabe freut, so wird das Lernen der Schriften doch immer mehr zur Qual. Jedes Schriftstück der Tutorinnen muss verbrannt werden, damit sie ihr Wissen nicht an die Arnath weitergeben können. Der Beruf der Tutorin ist nämlich ein besonderes Privileg, durch das sie zwar ein besseres Leben im Palast führen dürfen, aber ihr Wissen ausschließlich dazu genutzt werden darf, Qilaren zu unterrichten. So wertvoll die Macht des Lesens und Schreibens auch ist, Raisa darf ihrem Volk nicht helfen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie, als sie noch ein glückliches Leben bei ihrer Familie führte, ein Schriftstück von ihrem Vater bekam – ihr Herzgedicht – das sie erfolgreich versteckt hält. In den nachmittaglichen Stunden, wenn der Unterricht vorbei ist, versucht sie nämlich dieses zu entziffern und muss feststellen, dass die Schrift der Qilaren ganz anders ist, als die Zeichen ihres Herzgedichts. Es ist das Einzige, was noch von ihren Eltern übrig geblieben ist.

Um die späteren Prinzen und Prinzessinnen unterrichten zu können, lehrt die Alt-Tutorin Layonea Raisa alles vom Spitzen der Federkiehle über das Verhalten bei Adelsfeiern, bis zu den hohen Schriften. Der 16-Jährige Kronprinz Mati wird ebenfalls zusammen mit Raisa von Layonea unterrichtet. So kommen sich Raisa und Mati schon bald näher als ihnen lieb ist. Beziehungen zwischen Qilaren und Arnath sind nämlich streng verboten, besonders, wenn es sich um den Prinzen handelt, der sich in eine Sklavin verliebt. Dennoch treffen sich die beiden schon bald heimlich in der Bibliothek des Palastes, um ungestört zusammen sein zu können -.

Ihre Liebe wird jedoch getrübt, als Mati erfährt, dass er die Qilarin Soraya Gamo heiraten soll, mit dessen Vater der König die diplomatischen Beziehungen enger knüpfen will und außerdem auf sein Geld angewiesen ist, denn die Staatskasse ist leer. Weil Raisa ihre Beziehung für ungültig hält, trennt sie sich schweren Herzens von Mati, damit dieser seinen Verpflichtungen als Prinz nachkommen kann. In ihrer Verzweiflung und ihrem Kummer wendet sich Raisa an den Widerstand der Arnath, die die Qilaren bekämpfen wollen, um für sich und ihr Volk Freiheit zu erlangen. Für den Widerstand erfüllt Raisa kleine Aufträge, damit sie sich von ihrem Kummer ablenken kann und wieder einen Sinn erfährt.

Doch je mehr sie für den Widerstand tut, desto mehr verrät sie Mati, den sie doch so sehr liebt. Schon bald finden die beiden wieder zusammen und Matis Vertrauen wird auf eine harte Probe gestellt, denn nun ist er König und merkt, dass nicht alle Mitglieder des hohen Rats ihm den Rücken stärken.

Kathy MacMillan bedient sich einer traditionellen Geschichte, die seit Anbeginn der Menschheit existiert, dennoch ist sie heute präsenter und aktueller denn je. Im Vordergrund ihres Romans steht ein junges Paar, dass verschiedener nicht sein könnte, wenn es um ihre Abstammung geht, dennoch ist die Liebe so groß, dass es versucht, die Grenzen zu übergehen. Trotz der Liebesgeschichte als roter Faden, spinnen sich noch ganz andere Ereignisse um die Geschichte herum. Mit den Götterlegenden, die zu Beginn jedes Kapitels erzählt werden, nimmt die Autorin einen symbolischen Bezug auf das Geschehen des Buches. Die Gottheiten sind sogleich die Götter, die von den Qilaren angebetet werden. Auch hier geht es um eine personifizierte Macht: ein Mann, der sich über eine andere Person stellt – über seine Frau Sotia, die den Menschen das Wissen,  also die Schrift mitteilen möchte. Aber Gyotia verhindert dies und zwingt sie dazu, die Schrift der Götter ausschließlich an den edelsten Qilaren weiterzugeben, damit sich die heilige Schrift nur unter den Auserwählten, den göttergleichen Menschen, verbreitet. Gyotia, der Mann der brennt seiner Frau sogar sein Zeichen mit einem glühenden Eisen auf die Wange, um seine Überlegenheit zu zeigen – der Mann als das starke Geschlecht.

Auch in der Geschichte rund um Raisa sind es die Männer, die den Ton angeben, von Emanzipation zunächst keine Spur, aber Raisa wächst über sich hinaus, bis sie mehr und mehr den Ton angibt, gerade bei den Arnath, um sich zusammen mit Mati an die Spitze zu kämpfen. Dabei wurde gerade Raisa von Anfang an die stärkste Waffe gegeben – die Schrift. Sie sorgt dafür, dass der Widerstand sich zu wehren weiß, weil sie ihre Rechte als Menschen kennenlernen und sie sorgt dafür, dass die Ketten der Sklaven ganz gebrochen werden, weil sie nun ebenbürtig sind.

Die Figur Mati spielt eine sehr wichtige Rolle, denn er ist es, der die Sklaverei am liebsten sofort abschaffen möchte, sobald er erst einmal König ist. Doch die kindlichen, aber dennoch rechtschaffenen und vorbildlichen Träume haben ein jähes Ende, sobald Mati wirklich König ist. Er muss feststellen, dass die meisten altern Herren an ihren Traditionen festhalten und überhaupt keinen Blick auf eine bessere Zukunft haben, wo die Arnath und die Qilaren vereint leben, als eine Gemeinschaft. Stattdessen wollen einige der Hohe Priester ihn sogar vom Thron stürzen, weil sie glauben, Mati stürzt das Königreich mit seinen Plänen ins Verderben. Die Anderen – die Sklaven – sind nicht mehr Wert als Dreck und haben nicht das Recht auf Gleichstellung.

Genau hier knüpft die Geschichte an der Aktualität an, denn noch heute gibt es so viele Menschen, die andere Völker ausgrenzen, weil sie anders und fremd sind. Diese Gruppen ernennen sich selbst zur übergeordneten Gemeinschaft, weil sie an traditionellen Werten festhalten, die keine mehr sind. Viele Erkenntnisse, die in diesem Milieu vorherrschen sind weiter verbreitete Meinungen, die nur selten auf Fakten aufbauen. Kathy MacMillan hat in einer tollen und diskreten Weise geschildert, dass das Wissen der Schlüssel zur Macht ist. Denn es sind die wissenden Menschen, die die Menschen als eine Gemeinschaft ansehen und sich nicht vor dem Fremden fürchten.

Ein wirklich toller Jugendroman, der den Jugendlichen die Wichtigkeit von Gleichberechtigung sowohl zwischen Männern und Frauen als auch zwischen verschiedenen Nationen nahe bringt.

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