Rezension zu Steinar Bragis “Hochland”-Horror

Als nordisches Thriller-Talent gefeiert, brachte Steinar Bragi nun seinen zweiten Thriller “Hochland” heraus. In den Medien wird er mit Stephen King verglichen, seine Geschichten sollen alle Schattierungen des Horrors abzeichnen und sich aus der alltäglichen Realität speisen. Bereits mit seinem ersten Roman Frauen aus dem Jahr 2010 gelang ihm der internationale Durchbruch.

Die vier Freunde Hrafn, Vigdis, Anna und Egill entscheiden sich dazu, in dem kargen isländischen Hochland einen Campingausflug zu machen, um einfach mal der Hektik des Großstadtlebens zu entfliehen. Schließlich haben sie alle harte Jobs. Vigdis ist Psychotherapeutin und muss sich mit den Problemen Anderer herumschlagen, Anna ist erfolgreiche Journalistin, die karrierebedacht ist und unbedingt auf den Chefsessel will. Und Egill und Hrafn? Sie sind vordergründig zwei erfolgreiche Unternehmer, die jedoch mit ernsten Alkohol- und Drogenproblemen zu kämpfen haben.

Da Hrafn mittlerweile trockener Alkoholiker ist, fährt er den Jeep durch die karge Geröllwüste Islands. Bei feucht-fröhlicher Stimmung im Auto, tief schwarzer Dunkelheit und dichtem Nebel, verliert er die Orientierung und kommt vom Fahrtweg ab, weil er in dem Nebel nichts mehr erkennen kann. Da seine betrunkenen Mitinsassen auch keine große Hilfe sind, versucht Hrafn sich anhand eines Kompasses zu orientieren und fährt nach Osten, bis er Lichter erkennt, die – wie er vermutet – aus einem Dorf stammen könnten. Also hält er darauf zu.

Im nächsten Moment kracht der Jeep mit voller Wucht gegen ein Haus. Ein verschrecktes, verschrobenes, altes Paar öffnet die Tür, um nach dem Rechten zu sehen und bittet die Gruppe schließlich herein um dort zu übernachten. Am nächsten Tag wollte die Alte mit dem Namen Asa ihnen dann ihren Jeep leihen, um in die Stadt fahren zu können. Doch der Versuch, bald wieder aufzubrechen, gestaltet sich schnell ausweglos. Um sich die Zeit zu vertreiben, schnüffeln sie im Haus herum, das bei näherer Betrachtung nur noch skurriler wird, denn sie sind sich sicher, dass das alte Paar etwas zu verbergen hat. In einem erneuten Versuch, eine zivilisierte Stadt zu erreichen, stößt die Gruppe auf ein verlassenes Dorf, welches noch mehr Geheimnisse zu bergen scheint, als das Haus der beiden Alten…

Was wie ein typischer Horrorfilm beginnt – vier Freunde wollen im Hochgebirge, abgeschottet von der Zivilisation, campen – endet aber nicht wie ein ganz gewöhnlicher Horrorfilm. Seite für Seite bricht ein Stück der Maskerade dieses Romans ab. Was vorher noch ganz harmlos erschien, entfesselt später die volle Bandbreite an Abgründen der menschlichen Psyche und wird im Verlaufe des Thrillers wie ein Mosaik zusammengesetzt. Es ist ein sehr kluger Roman, der einen mit mulmigem Gefühl durch das Buch schickt, auf sich gestellt, umhüllt von den eigenen Gedanken.

Ich muss gestehen, dass ich das Buch zu Beginn des Lesens sehr langatmig fand, weil auf den ersten 100 Seiten nicht viel geschieht. Im Gesamtwerk betrachtet jedoch, wird ganz deutlich, dass diese besagten Seiten keinesfalls fehlen dürfen, denn da lernt man die äußere Fassade der vier Gruppenmitglieder kennen. Die Charaktere werden so real und plastisch geschildert, dass ich das Gefühl bekomme, sie zu kennen. Ich könnte durchaus mit ihnen in einem Raum stehen, so deutlich werden sie vor meinem inneren Auge abgebildet. Ich treffe auf die bodenständige, anmutige, ja teilweise doch mütterlich besorgte Vigdis, die so reif und gefasst den Problemen begegnet und ihre Kameraden mit dieser distanzierten Gelassenheit beruhigt. Ich sehe ihren Ehemann Hrafn, der ein ansehnliches Äußeres hat und eine gewisse seriöse Kompetenz als Unternehmer ausstrahlt. Sein Gequalme nervt mich und manchmal ist er auch viel zu launisch und zu leicht reizbar. Aber sobald sein Blick auf Vigdis trifft, sehe ich ganz deutlich, wie sehr er sie vergöttert. Da drüben sitzt die viel zu labile Anna, die mit schwankendem Selbstbewusstsein und teils plärrig-kindischer Art mit Männern flirtet, um Aufmerksamkeit zu bekommen und dann ist da noch der desinteressierte, distanzierte Egill. Er kifft und säuft definitiv zu viel, aber anders scheint er seine weinerliche Freundin nicht ertragen zu können.

Die völlig fertig modellierten Charaktere sind aus dem Grund so ausgesprochen wichtig, als dass sie im Verlauf des Buches eine deutliche und viel zu heftige Entwicklung durchmachen. Denn bei allen Vieren verbergen sich schlimme Geheimnisse und Probleme, die sie versuchen, unter ihrer Oberfläche einzuschließen und gefangen zu halten. Aber diese reißt Stück für Stück auf, sobald sie immer weiter unter Druck geraten. Es ist alles andere als eine typische Horrorgeschichte, aber sie spiegelt tatsächlich alle Facetten des Horrors wider, die ein Mensch in seiner eigenen Welt durchlaufen kann, sobald sich ein Problem immer mehr zum Wahnsinn entwickelt.

Dies stellt Bragi vorzüglich mit den Symbolen dar, die er in kleinen Mosaiken einbringt, sodass sie am Ende des Buches ein Gesamtbild ergeben. So wird beispielsweise ein dunkles, verbarrikadiertes Geheimversteck ein Ort in der Seele, wo sie die schlimmsten Geheimnisse hin verbannen. Tiefliegende Ängste werden auf Fotos abgebildet und fest verankerte Bindungen zu wichtigen Personen lösen sich. Die Orte, an denen sie sich befinden sind reine Assoziationen zu dem, was sie in ihrem tiefsten Innern selbst empfinden. Ich kann diesen großartigen Roman wirklich wärmstens empfehlen, denn damit kann Bragi tatsächlich beinahe in eine Reihe mit “Es” von Stephen King gestellt werden. Absolut fantastisch!

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Über den Autor

© Random House / Salomonsson Agency

Steinar Bragi, 1975 geboren, zählt zu den ungewöhnlichsten Thrillerautoren Skandinaviens. Sein Roman »Frauen« (2010) war für den Literaturpreis des Nordischen Rats nominiert und brachte

dem isländischen Autor den internationalen Durchbruch. Sein Thriller »Hochland« wurde von der Kritik hochgelobt und mit den Horrorgeschichten Stephen Kings verglichen. Das Buch erscheint in zwanzig Ländern.

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