Interview mit Imogen Hermes Gowar zu ihrem Roman “Die letzte Reise der Meerjungfrau”

Sie sind gerade mal dreißig Jahre alt und haben gleich mit Ihrem Debüt einen Roman geschrieben, um den sich die Verlage bereits anderthalb Jahre vor der Veröffentlichung „gerissen“ haben. Wie war das für Sie?

Ich glaube, dass die meisten Schriftsteller frühzeitig lernen, sich auf Absagen gefasst zu machen – darauf muss man sich einstellen, um weiterschreiben zu können. Ich habe natürlich gehofft, dass das Buch gut ankommen und es Menschen gefallen würde, aber dass es eine derartige Resonanz auslösen würde, hätte ich nie zu hoffen gewagt! Das war eine große Überraschung.

Die letzte Reise der Meerjungfrau spielt im Georgianischen Zeitalter. Was war für Sie das Besondere am London des 18. Jahrhunderts?
Ich hatte jahrelang über das Georgianische Zeitalter gelesen, lange bevor ich erwog, darüber zu schreiben. Ich habe die Sprache geliebt, den Humor, die Gewänder – fand aber zudem, dass es in dieser Zeit unendlich viele großartige, bewundernswerte Frauen gegeben hat. Sie besaßen erheblich weniger Chancen, als moderne Frauen sie haben, aber sie waren trotzdem intelligent, tapfer und mutig – und bekamen ihre Sachen geregelt. Ich glaube, es war die Stärke dieser Frauen, die mich für die Ära begeistert und dafür gesorgt hat, dass ich mich nachhaltig dafür interessiert habe.

In Ihrer Geschichte wartet der verwitwete Kaufmann Jonah Hancock auf die Rückkehr seines Schiffes und muss erfahren, dass sein Kapitän es verkauft hat – für eine tote Meerjungfrau! Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Die Idee zu dem Roman ist mir gekommen, als ich als Galeriewärterin im Britischen Museum tätig war. Ich hatte damals angefangen, mir kleine Schreibaufgaben zu stellen: Ich suchte mir irgendein Kunstwerk aus und ließ mich davon zu einer Kurzgeschichte inspirieren. Viele Menschen wissen das gar nicht, aber es befindet sich eine Meerjungfrau in der Sammlung des Britischen Museums. Sie stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde in Wahrheit aus einem Affenfell gefertigt, an das man einen Fischschwanz genäht hat. Damals haben das viele Menschen für echt gehalten. Diese Meerjungfrauen-Imitation hat mir die Inspiration zu meiner Story geliefert und ich hatte gleich von Anfang an eine lebhafte Vorstellung von den Figuren Jonah Hancock und Angelica Neal.

Kapitän Jones ist überzeugt, dass Jonah Hancock mit der Meerjungfrau über Nacht reich werden kann und so kommt es auch: die Menschen sind bereit, Geld dafür zu bezahlen, sich die Kuriosität anzusehen. Was hat die Menschen eigentlich von jeher so an Meerjungfrauen fasziniert?
Die Geschichten über Meerjungfrauen, die uns überliefert wurden, haben ziemlich viel Ähnlichkeit mit denen über Elfen und Feen. Diese Märchen beruhen alle auf der Grundidee, dass die Wesen Bestandteil einer Welt sind, zu der Menschen normalerweise keinen Zutritt haben. Sie verfügen scheinbar über ein Wissen, das wir uns nicht aneignen können – oder nicht aneignen dürfen. Das Ganze hat etwas so Betörendes. Einer Meerjungfrau haftet immer ein Element der Gefahr und der Mehrdeutigkeit an Es hat etwas Unwiderstehliches, sich wunderschöne, erotische Frauen vorzustellen, die wildeste Sehnsüchte erfüllen oder Ihnen und Ihrer Familie entsetzliche Dinge antun könnten. Ich glaube, das ist die Art von Mysterium und Gefahr, die Menschen erregend finden.

Durch seine plötzliche Popularität macht Jonah Hancock die Bekanntschaft von Mrs. Chappell, der „Äbtissin“ des exklusivsten Bordells der Stadt. Außerdem lernt er Angelica Neal kennen, Londons berühmteste Kurtisane. Entspricht es der Wahrheit, dass es für die Figur der Angelica eine reale Vorlage gab?
Die Figur der Angelica basiert auf so einigen Kurtisanen der damaligen Zeit. Ich habe mich sehr für die Lebensgeschichten von Frauen wie Emma Hamilton interessiert. Ihr Leben begann in extremer Armut, doch sie gelangte zu Ruhm, stieg innerhalb der Gesellschaft auf und wurde die Ehefrau des Botschafters von Neapel. Sie hat ihren Körper und ihre Schönheit natürlich benutzt um zu überleben, aber für meine Begriffe war sie eine unglaublich pfiffige und erfinderische Frau. Was ich überdies sehr genossen habe, sind die wunderschönen Memoiren einer Frau namens Sophia Baddley, die in den 1760er und 70er Jahren eine Schauspielerin und ein Partygirl war. Ebenso wie Angelica Neal lebte auch Sophia mit einer Gefährtin zusammen, Mrs. Steele, die dann irgendwann die Memoiren schrieb. Die sind voller Details über ihren gemeinsamen Alltag, wie es ihn nur in einer intimen Frauenfreundschaft geben kann. Das hat mir in unglaublichem Maße dabei geholfen, Angelicas Welt zu erschaffen.

Zwischen Jonah Hancock und Angelica Neal entwickelt sich eine Romanze, die das Herzstück Ihres Romans bildet. Das Buch brilliert aber auch mit großartigen Nebenfiguren. Hatten Sie eine Lieblingsfigur, die Ihnen bei der Arbeit ganz besonders viel Spaß gemacht hat?
Die Figur, die mir beim Schreiben am meisten Spaß gemacht hat, war Mrs. Chappell, die Puffmutter. Sie ist in vielerlei Hinsicht grotesk, was dem Bild entspricht, das man zur damaligen Zeit von Bordellbetreiberinnen hatte. Sie wurden immer als alte, übergewichtige, gichtkranke und unattraktive Frauen dargestellt, die dem Alkohol zugetan waren und bei jeder Gelegenheit fluchten. Dahinter verbirgt sich sehr viel Altersdiskriminierung und Frauenfeindlichkeit und ich hatte Sorge, Mrs. Chappell könne eine eindimensionale Karikatur werden. Je mehr ich mich jedoch mit ihr beschäftigte, desto mehr genoss ich ihre Gesellschaft – und respektierte sie sogar. Sie wäre im Georgianischen Großbritannien eine ungemein unbeliebte Person gewesen, aber ich empfand sehr viel Sympathie für sie.

Sie haben vor Ihrer schriftstellerischen Karriere Kunstgeschichte, Archäologie und Anthropologie studiert. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Eigentlich kam das Schreiben zuerst! Als kleines Mädchen habe ich meiner Mutter immer Geschichten diktiert, damit sie diese aufschrieb und als ich das dann selbst konnte, habe ich meine Geschichten allein geschrieben. Ich habe aber immer gewusst, dass das ein Hobby bleiben musste: das war kein ‚richtiger Job’. Mein richtiger Job war die Arbeit in einem Museum. Ich liebe Geschichte fast schon genau so lange, wie ich Geschichten liebe und für mich hat das eine immer zum anderen geführt. Ich habe es stets als inneren Drang empfunden, mir vorzustellen, wie das Leben wohl für die Menschen war, die zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort ein ganz anderes Leben geführt haben, als ich es kenne.

Die letzte Reise der Meerjungfrau ist ein ausgesprochen opulentes Buch. Wie lange haben Sie für die Recherchen benötigt?
Ich habe ungefähr 20.000 Worte geschrieben, bevor ich die Entscheidung traf, dass ich das wirklich machen wollte. Dann habe ich das Manuskript weggelegt und etwa zehn Monate lang ausnahmslos Recherchen angestellt. Ich hatte das Glück, in London zu wohnen, also bin ich mehrmals in der Woche in die Nationalbibliothek gegangen und habe dort sehr viel gelesen. Ich habe eine Menge akademische Fachliteratur gelesen, aber auch Romane aus dem 18. Jahrhundert und sehr viele Zeitungsartikel und Gerichtsprotokolle, die diese Welt in meinem Kopf lebendig gemacht haben. Ich bin auch so oft wie möglich durch London spaziert, habe die in meinem Buch beschriebenen Orte aufgesucht und mir angeschaut, was nach wie vor das gleiche war und was sich verändert hatte. Ich wohne im Londoner Süden, ganz in der Nähe von Deptford und Greenwich, die im Buch vorkommen und die auch heute noch das Flair des 18. Jahrhunderts ausstrahlen. Ich habe auch nach Georgianischen Rezepten gekocht und ich habe mir ein Gewand genäht, das in den 1780er Jahren modern war.

Ihr Roman liefert neben allem anderen ein Gesellschaftsbild der damaligen Zeit, das die Unfreiheit verdeutlicht, in der Menschen gefangen waren. Haben Sie das bewusst so angelegt oder hat sich das einfach so ergeben, weil es damals halt so war?
Je mehr ich recherchierte, desto deutlicher sah ich, dass es damals so gewesen war. Ich habe mich, wie ich bereits sagte, glühend für die Frauen dieser Zeit interessiert und es wurde mir klar, dass dieses Buch mein Weg war um zu erforschen, welche Möglichkeiten Frauen in den 1780er Jahren offenstanden. So sehr ich mich auch dafür interessiert habe, warum Frauen die Entscheidung trafen sich zu prostituieren oder warum sie zur Prostitution getrieben wurden, wollte ich auch wissen, wie die Alternativen aussahen – deshalb Figuren wie Mr. Hancocks Nichte Sukie Lippard und ihre Mutter Hester. Welche Freiheiten und welche Einschränkungen gingen für die Frauen mit Ehe und Familie einher? Mit den ‚durchschnittlichen Frauen’ der Geschichte befassen wir uns kaum. Fakt ist, dass man noch vor wenigen Jahrzehnten der Ansicht war, es sei unmöglich, eine komplette „Geschichte der Frauen“ zu erstellen. Ihr Alltag war nicht dokumentiert, ihre Meinungen kannte man nicht. Moderne Historiker sind Archiven jedoch mit erstaunlichem Erfindergeist zu Leibe gerückt. Sie haben besonders historische Quellen untersucht, die man bis dato übersehen, von der Hand gewiesen oder missverstanden hatte und stellten fest, dass es möglich ist, sehr, sehr viele Details aus dem Leben durchschnittlicher Frauen zu rekonstruieren.

Mit Black History, die bis vor einigen Jahrzehnten als weitgehend unerreichbar galt, verhält es sich ähnlich. Ich wusste, dass es zu Tausenden schwarze Londoner wie Polly und Simeon gegeben hat, die zwar keine Sklaven waren, deren Hautfarbe aber große Einschränkungen im Hinblick auf ihr Leben mit sich brachte. Die 1700er Jahre waren eine Ära, in der es heiße Diskussionen über den Status schwarzer Menschen und den Status von Frauen gab und ich konnte mir nicht vorstellen, einen Roman über diese Epoche zu schreiben, der diese Randgruppen der Geschichte nicht in den Mittelpunkt rückte. Genau das ist für mich das interessante; das Leben dieser Menschen ist das, worüber ich am meisten erfahren wollte.

Historische Romane erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Worauf ist das Ihrer Meinung nach zurückzuführen? Streben die Menschen danach, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen?
Historische Romane sind immer auch moderne Romane. Sie sagen immer auch etwas über die Zeit aus, in der sie geschrieben wurden. Ich glaube, dass die Vergangenheit uns manchmal einen Raum gibt, in dem wir mit Ideen spielen können, die wir in unserer modernen Ära eher ungern ansprechen würden.

Ich hoffe, dass die Menschen Entscheidungen über die Zukunft mit Blick auf das treffen, was in der Vergangenheit passiert ist, allerdings sind die Menschen nur selten so weise. Dieses Buch zu schreiben, hat mir in jedem Fall bewusstgemacht, was für ein Glück ich habe, eine Frau des 21. Jahrhunderts zu sein und Rechte für mich in Anspruch nehmen zu können, die die Frauenbewegung für mich erkämpft hat. Ich fände es entsetzlich, wenn die Gesellschaft sich zurückentwickeln würde.

Wie eingangs gesagt, hat Ihr Roman bereits vor der Veröffentlichung für Furore gesorgt, inzwischen hat er die Bestsellerlisten gestürmt und wird vom Publikum und Kritik in den höchsten Tönen gelobt. Wie hat sich Ihr Leben aufgrund dieses Erfolgs verändert?
Ich bin überglücklich, dass das Buch so erfolgreich ist – das ist wirklich ein Traum, doch an den wichtigen Dingen in meinem Leben hat sich dadurch nur sehr wenig geändert. Meine Freunde, meine Familie und mein Partner behandeln mich deshalb nicht anders und ich empfinde es als wichtig, so normal wie möglich weiterzuleben. Es ist aber einfach großartig, in der Lage zu sein, mir mit dem Schreiben meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dafür bin ich jeden Tag aufs Neue dankbar.

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