Manchmal will man Bahnhofspenner werden. – Ein Gespräch mit Sebastian Niedlich

Manchmal will man Bahnhofspenner werden.
Ein Gespräch mit Sebastian Niedlich über Sympathieträger, die Abgründe der Partnersuche und seinen neuen Roman DICKER TEUFEL UMSTÄNDEHALBER IN GUTE HÄNDE ABZUGEBEN.

Lieber Sebastian Niedlich, du hast über den Tod geschrieben, über Gott und nun den Teufel – was reizt dich an diesen großen Themen und Figuren?
Nun, zunächst einmal bin ich faul, denn ich muss mir diese Protagonisten ja nicht ausdenken. Wenn ich über so große Figuren schreibe, dann kommt allerdings auch schon mal ein wenig Ballast in Form von vorgefassten Meinungen, Informationen et cetera mit. Auch wenn man nicht an Gott, den Teufel oder den Tod als menschliche Figur glaubt, hat jeder schon eine gewisse Vorstellung davon. Und diese Vorstellung dann so zu drehen und wenden, dass man noch einmal ganz neu darüber nachdenkt, finde ich witzig. Im Grunde kommen dann ganz neue Figuren heraus. Moment mal, dann bin ich ja doch gar nicht faul …

Mephy ist ein echter Teufel – und deswegen gerät der Leser in einen Zwiespalt: Man mag ihn … obwohl er ein Fiesling ist. Wäre es nicht einfacher gewesen, ihn durchgehend sympathisch zu zeigen?
Einfacher wäre so vieles. Keine Komödien zu schreiben, wäre auch viel einfacher. Aber einfach ist ja nicht immer besser. Ich bin der Meinung, dass sympathische Hauptfiguren nicht unbedingt die interessanteren Hauptfiguren sind. Natürlich kommt beim Teufel dazu, dass er schon aus seiner Rolle heraus ein wenig fies sein muss. Teufel, halt. Aber auch da finde ich es interessanter zu sehen, wie aus einem ehemaligen Engel dann das angeblich personifizierte Böse werden sollte. Was ja auch langweilig ist, wenn man es sich mal genau überlegt: Einfach nur böse ohne Motivation? Gähn. Eine Figur, die irgendwie beides ist, gibt da schon mehr her – sowohl für mich als Autor als auch für meine Leser. Und das macht Mephy menschlich und somit nachvollziehbar.

Die wahre Hölle – das wird in deinem Roman sehr deutlich – ist der Dating-Dschungel! Was hat dich zu den haarsträubenden Situationen inspiriert, die Mephy bei der Suche nach seiner Traumfrau erlebt?
Einige der Situationen habe ich selbst vor Jahren erlebt, als ich noch nicht verheiratet und Single war. Die Diskussion mit der Frau, die Mephy als ‚Offliner‘ bezeichnet, weil er nicht auf allen möglichen Internetseiten einen Account hat, hat fast 1:1 so stattgefunden. Mir wurde damals fast das Gefühl gegeben, ich wäre nicht ganz normal, weil ich nicht ausschließlich im Internet abhing. Tatsächlich hätte ich noch gerne ein Dutzend weitere haarsträubende Situationen geschildert … aber irgendwann muss man als Autor auch einsehen, dass der Leser nach ein paar Beispielen begriffen hat, dass Dating nicht einfach ist, und in der Geschichte weiterkommen möchte. Das gilt auch für die Schilderungen der Hölle – die habe ich mir übrigens nicht selbst erlebt, das ist alles frei erfunden. Vermutlich könnte ich darüber ganze Bücher schreiben. Vielleicht eine Arbeitsplatz-Komödie in der Hölle. Ich muss mir da mal was notieren …

Wenn wir schon bei deiner Vision der Hölle sind: Wie kommt man auf so verrückte Ideen wie den Bungee-Hai?
Ich habe so viele Gehirnwindungen, da komme ich auf krumme Ideen … Natürlich haben die meisten das klassische Bild von Feuer und Schwefel im Kopf, andere vielleicht die Gemälde von Hieronymus Bosch, den ich im Roman auch erwähne. Es wäre aber vermutlich etwas enttäuschend und wenig amüsant gewesen, wenn ich die Sünder nur auf die klassische Art – in einem Kochtopf, auf der Streckbank oder dergleichen – hätte leiden lassen. Selbst in der Hölle muss es da ein wenig Fortschritt geben. Umso wichtiger war es mir, neue Höllenideen zu finden, die meine Leser überraschen und zum Teil sicher auch zum Lachen bringen werden.

Was glaubst Du: Könnten der personifizierte Tod, wie wir ihn in Deinem Roman DER TOD UND ANDERE HÖHEPUNKTE MEINES LEBENS kennenlernen, und Mephy Freunde werden?
Ich glaube, dass der Tod aus DTuaHmL ein größerer Humanist als Mephy ist. Wobei es für ihn wohl auch ein Schock wäre, wenn er erführe, dass es Gott und Teufel wirklich gibt. Im Endeffekt könnten sich beide aber vielleicht miteinander arrangieren. Der Tod und Mephy haben beide Jobs, um die sie niemand beneidet, und sie machen das Beste daraus, wenn auch auf ganz unterschiedliche Arten. Die wichtigere Frage ist doch sowieso eher, ob die Leser, die ‚meinen‘ Tod mochten, sich nun auch für Mephy erwärmen können. Und das glaube ich auf jeden Fall.

DICKER TEUFEL UMSTÄNDEHALBER IN GUTE HÄNDE ABZUGEBEN ist eine Komödie – sie hat aber auch berührende und sehr traurige Momente. Was ist für Dich als Autor schwieriger zu schreiben?
Ich glaube, dass es Komödien und komische Situationen grundsätzlich schwieriger zu schreiben sind. Zumindest wenn sie nicht auf krudem Humor wie ‚HAHA, der ist in Hundekacke getreten!‘ oder ähnlichem basieren. (Ich hab da auch so meine Momente, aber ich hoffe, die halten sich in Grenzen.) Traurige Momente sind einfacher, zumindest insofern, dass die meisten Menschen über ähnliche Dinge traurig sind. Bei Humor ist das Spektrum schon deutlich breiter. Das schwierige an traurigen Momenten ist eigentlich, dass man es nicht in Kitsch abgleiten lässt. Wobei das 10-jährige Mädchen in allen von uns gelegentlichen Kitsch vielleicht auch schön findet.

Und was macht Dir mehr Spaß beim Schreiben?
Spaß habe ich an beidem. Es sei denn ich stecke gerade wieder in einer dieser Schreibphasen, in denen man am liebsten alles verbrennen und Bahnhofspenner werden will.

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Das Gespräch führte Timothy Sonderhüsken, Programmleiter von dotbooks.

Sebastian Niedlich, 1975 in Berlin geboren, war zum Zeitpunkt seiner Geburt schriftstellerisch untätig und nahm diese Profession erst später im Leben auf, nachdem er sich vorher an Drehbüchern versucht hatte. Er lebt in Potsdam und bereut es bisher nicht.

Bei dotbooks veröffentlichte Sebastian Niedlich bereits die Romane „Der Tod und andere Höhepunkte meines Lebens“, „Und Gott sprach: Es werde Jonas“ und „Dicker Teufel umständehalber in liebevolle Hände abzugeben“ sowie die Erzählbände „Der Tod, der Hase, die Unsinkbare und ich“, „Ein Gott, drei Könige und zwei Milliarden Verrückte“ und „Das Ende der Welt ist auch nicht mehr, was es mal war“, die auch als Sammelband erhältlich sind: „Am Ende der Welt gibt es Kaffee und Kuchen“

Der Autor im Internet: www.sebastianniedlich.de und www.facebook.com/SebastianNiedlich.Autor

 

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