Interview mit „Literaturpäpstin“ Karla Paul

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Wer sich für Literatur, die analoge und die digitale Welt gleichermaßen interessiert, kommt an einer Person heute nicht mehr vorbei: Karla Paul! Sie wurde einst von der NEON als „Literaturpäpstin“ gekürt, und das auch völlig zu Recht: Am Tag des Buches geboren, war sie mehrjährige Redaktionsleiterin der Social-Reading-Plattform LovelyBooks, zeitweise Verantwortliche für das Digitale Publizieren beim Hoffmann und Campe Verlag, seit Kurzem Verlagsleiterin des Hamburger Verlags Edel eBooks und nebenbei Buchbloggerin quasi der ersten Stunde auf Buchkolumne.de. Karla Paul ist nicht nur unglaublich gut vernetzt, sondern bringt auch unerschöpfliches Wissen über die (digitale) Welt der der Autoren, Verlage und gute Bücher mit.

Ihre persönlichen Buchhighlights verrät sie Zuschauern des ARD-Sendung „ARD-Buffet“ – der nächste Termin mit Karla Paul findet am 15. Juli statt. Man darf gespannt sein, auf locker-leichte Sommer-Lektüre! Diejenigen, die diesen Termin verpassen, können Pauls Tipps hier bei uns auf dem Blog nach der Ausstrahlung noch einmal nachlesen.

Wir sind jedenfalls sehr froh darüber, dass diese vielbeschäftigte Frau, die Zeit für uns gefunden hat, uns in das Geheimnis des Bücherverlegens und in ihre persönlichen Literaturvorlieben einzuführen!

Liebe Karla, Du bist seit Mai 2015 Verlagsleiterin bei Edel eBooks, einem reinen Digitalverlag – gibt es für Dich zwischen Digitalverlag und klassischem Verlag große Unterschiede? Wie bewertest Du die Chancen reiner Digitalverlage in den kommenden Jahren?
Grundsätzlich bewerte ich die Chancen für Digitalprodukte natürlich sehr gut, ansonsten würde ich nicht gemeinsam mit meinem Team so viel Zeit, Energie und Titelliebe in diesen Verlag sowie ein weiteres Imprint stecken. Unsere Zahlen wachsen stetig und wir haben in diesem Bereich so viele Möglichkeiten wie nie – diese wollen wir nutzen, viele klassische E-Books verlegen aber auch Experimente wagen und vor allen Dingen zusammen mit unseren Autoren die ideale Veröffentlichungsform für ihre Inhalte finden.
Unsere Hauptarbeit ist gleich: wir suchen gute Inhalte, diese gehen in der Zusammenarbeit mit den Autoren und Agenturen durchs Lektorat sowie Korrektorat, es findet ein Satz statt, wir optimieren den Text fürs Digitale – d.h. im Idealfall wird er perfekt auf jedem Reader dargestellt – und bewerben ihn mit PR, Marketing und Social Media. Nur der Druck fällt bei uns natürlich weg, d.h. wir haben hier einen zeitlichen und finanziellen Vorsprung gegenüber den Printverlagen. Ansonsten ging es in der Buchbranche aber immer um tolle Inhalte auf idealen Wegen und das setzen wir im Digitalen so gut und schnell wie möglich fort.

Was gibt für Dich den Ausschlag, ein Buch verlegen zu lassen oder sogar direkt einen Vertrag für weitere Bücher mit einem Auto zu schließen?
Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder gehe ich davon aus, dass ein bestimmter Titel perfekt auf den aktuellen Markt passt und es dort eine größere Nachfrage dafür gibt, oder aber ich verliebe mich schlichtweg in den Inhalt und will ihn entgegen aller Widerstände unbedingt an die Leser bringen. Im Idealfall kommt beides zusammen und wenn ich einen tollen Autor entdecke, dann binde ich ihn natürlich gern gleich für mehrere Titel an den Verlag. Wir müssen den Lesern und Buchhändlern oftmals auch ein bisschen mehr Zeit geben um einen neuen Schriftsteller und seinen Stil zu entdecken, ähnlich einer Beziehung.

Manchmal ist es Liebe auf den ersten Blick und manchmal brauchen wir Wochen oder Monate um die Einzelheiten, spezielle Eigenschaften und eben das Besondere an einem Menschen bzw. einem Autor schätzen zu lernen. Die Literatur lebt von einer gewissen Leidenschaft und wenn ich diese nicht beim Lesen spüre, wie will ich sie dann glaubhaft weitergeben? Wenn sie mich aber erst einmal gepackt hat, treibe ich den Titel durch alle Stadien und versuche das auch bestmöglich an jeden Beteiligten inklusive bis zum Käufer zu vermitteln. Anders ist Verlegen (zumindest für mich) nicht möglich.

Bei so viel beruflichem Lesen: Was für Bücher nimmst du privat mit in den Sommerurlaub? Hast Du ein favorisiertes Genre?
Privat und beruflich vermischt sich bei mir beständig, diese Trennung ist eigentlich komplett aufgehoben. In meine Freizeit begleiten mich gedruckte Bücher ebenso wie Ebooks und ich höre unheimlich gern Hörbücher, wenn ich mit meinem Hund lange Spaziergänge am Sylter Strand mache oder wir durch die Nordseeheide joggen. Generell interessieren mich Biografien ebenso wie blutige Psychothriller, nur mit Liebesromanen kann ich wenig anfangen – für Kitsch konnte ich mich noch nie begeistern.

Aber ich freue mich auch immer wieder von Verlagen oder Buchhändlern auf Bücher ausserhalb meiner Komfortzone aufmerksam gemacht zu werden und so über den literarischen Tellerrand zu kucken. Manchmal hätte mich ein bestimmtes Genre vielleicht abgeschreckt und der Autor konnte mich mit seinem ganz speziellen Stil doch dafür begeistern – das freut mich dann besonders. In diesem Sommer lese ich natürlich besonders viel für meinen neuen Digitalverlag und hoffe, einige davon schon im Herbst auf der Messe präsentieren zu können.

Welches Buch hat Dich bisher am meisten beeindruckt?
Da gibt es kein spezielles Buch, so viele beeindrucken mich je nach eigener Laune, nach Stil und Tagesform – manche bescheren einem wunderschöne Stunden und sind nach wenigen Wochen wieder vergessen und manche hängen einem ewig nach. Sehr beeindruckt haben mich in der letzten Zeit die Romane „Graben“ des Walisers Cynan Jones aus dem Liebeskind Verlag, „Die Schuld der Anderen“ von Gila Lustiger aus dem Berlin Verlag sowie generell empfehle ich stets und immer die Bücher der Hanser-Autoren Sibylle Berg und Thomas Glavinic. Und wenn man mal wieder wirklich Zeit für Literatur hat, dann liest man einen Sommer lang Karl Ove Knausgard und erholt sich den Rest des Jahres davon.

Was ist deine Mission beim Bloggen, beim Bücher Buffet?
Literatur ist für mich mein Ein und Alles, mein Leben, das war es schon immer. Ich habe großes Glück, dass ich diese Mission hauptberuflich betreiben kann und versuche so viele Menschen wie möglich mit dieser Liebe zum Buch anzustecken, gute Inhalte zu finden und diese weiterzubringen. Mir ist dabei eigentlich weniger wichtig was gelesen wird, weil es für jeden Leser das richtige Buch zur richtigen Zeit gibt und das ist eben mal Junkfood und mal Highclass-Literatur. Dementsprechend hoffe ich natürlich, dass sich möglichst viele Menschen übers Netz als auch im Fernsehen von meinen Buchtipps begeistern lassen und etwas davon für sich mitnehmen. Nachweislich passiert dies sehr oft und am meisten freut mich dann, wenn sich die Leser danach melden und für die Empfehlung und die schönen Stunden mit dem jeweiligen Buch bedanken.

Literatur ist ein extrem wichtiger Bestandteil unserer Kulturlandschaft und kann uns so viel für unser Leben geben, sie unterhält, lehrt, macht uns zu anderen/besseren Menschen, sie macht uns glücklich. Sie übersetzt uns politische und wissenschaftliche Sachverhalte und deren Folgen für unser Leben unterhaltsam zwischen den Seiten. Literatur ist magisch. Lest so viel Ihr könnt und lasst Euch verzaubern!

Siehst du dich selbst als Literatur-Kritikerin?
Als Kritikerin nur hauptberuflich – als Verlegerin muss ich die Titel bis ins kleinste Detail auseinandernehmen und mit dem Autor wieder zusammensetzen. Als Bloggerin bzw. Buchtippgeberin für Magazine bzw. die ARD würde ich mich eher als reine Empfehlerin oder im Idealfall als Literaturlobbyistin bezeichnen. Das Leben ist viel zu kurz für schlechte Bücher und damit auch für Verrisse – da nutze ich die Medien lieber dafür um die wirklich guten Titel an den Leser zu bringen.

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Copyright: Yelda Yilmaz

Würdest du manchmal gerne keine Bücher lesen wollen, keine Branchen-News verfolgen, nicht twittern, bloggen und auf Messen gehen?
Ich bin nur wirklich gut in den Dingen, die ich gern tue und sehr von dieser Leidenschaft getrieben. Deswegen entscheide ich mich mit jedem neuen guten Buch auch wieder neu für die Branche. Die Messen sind meine Familientreffen. Natürlich gibt es wie überall Schattenseiten bzw. Dinge, die man nicht gern macht – mein alltäglicher Feind sind z.B. seitenlange Excellisten. Aber ich kann mir ein Leben ohne Literatur nicht vorstellen und selbst wenn ich vielleicht mal in einen anderen Bereich der Branche wechsle, wenn ich mir z.B. irgendwann den Traum vom eigenen Laden mit angeschlossenem Cafe erfüllen würde – der Literatur selbst bleibe ich treu, in guten wie in schlechten Zeiten!

Wann ist mit deinem eigenen Roman zu rechnen? Kannst du uns schon ein wenig dazu verraten?
Ich könnte, will aber nicht. Aktuell halte ich mehr oder weniger regelmäßig den Sonntag als Schreibtag ein und treffe mich auch im Juli wieder mit meinem Verlag, wir werden sehen.

Wenn Du alle Zeit der Welt hättest: Was wäre dein nächstes favorisiertes Groß-Projekt?
Ach, das ist eine schöne Vorstellung. Aber dann würde ja auch der Druck fehlen, dieses Leben so gut wie möglich zu nutzen. Als nächstes steht eine eigene Literatursendung auf dem Plan, eine Veranstaltungsreihe, natürlich ein bis mehrere Bücher sowie die erfolgreiche Etablierung meines Digitalverlags. Damit bin ich zumindest die kommenden 2-3 Jahre beschäftigt und ich bin recht optimistisch, dass sich auch danach neue/weitere Ideen rund ums Buch finden werden. Und sollte ich unverhofft zu plötzlichen Reichtum kommen, dann sehe ich das kleine Literaturcafe mit angeschlossenem Autorenschreibhotel an der Nordsee schon vor mir …

Liebe Karla, wir danken dir sehr für dieses offene Gespräch und den tollen Einblick in dein (digitales Buch-)Leben!

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