Der amerikanische Patient ist ein Buch über die aktuelle wirtschaftliche und politische Situation der USA, das der ausgewiesene USA- Experte und Politikberater Josef Braml hier mit großer Detailkenntnis und Akribie geschrieben vorlegt. Doch es richtet sich hauptsächlich an die politisch Verantwortlichen in Europa. Denn die wirtschaftliche Misere in den USA, geprägt durch eine extrem hohe Staatsverschuldung und die schlimmste Rezession seit den 30 er Jahren des 20. Jahrhunderts, wird Folgen haben. Die amerikanische Politik wird die hohe Arbeitslosigkeit im Land, die Krise ihrer Automobilindustrie, den auch nach der Lehman Pleite immer noch leidenden Immobilenmarkt, die hohe soziale Ungleichheit und Armut, die sogar den Wahlkampf der Republikaner zu bestimmen beginnt und ihre nach wie vor starke Energieabhängigkeit zum Thema machen müssen.

Es deuten sich schon die Grundzüge einer neuen Politik an, auf die sich vorzubereiten Braml den Europäern dringend rät. Er sieht eine Art neuen amerikanischen Protektionismus am Horizont aufziehen und eine verschärfte ökonomische Konkurrenz mit China im Kampf um die Hegemonie über Rohstoffe. Im Zuge der dringend nötigen Einsparungen auf der einen Seite und der schon durch Obama eingeleiteten politischen und militärischen Orientierung in den asiatischen Raum (Konkurrent China!) werden die USA in Rahmen der Sicherung ihrer eigenen Interessen immer mehr versuchen, finanzielle und friedenspolitische Lasten auf ihre westlichen Verbündeten in Europa abzuwälzen.

Ein Begriff des Historikers Reinhard Kosellek anwendend, sagt Braml, die USA befänden sich derzeit in einer „Sattelzeit“, das bedeutet eine Zeit dynamischer Umbrüche, sowohl politischer und wirtschaftlicher als auch gesellschaftlicher Art. Man werde wohl erst in der historischen Rückschau in einigen Jahrzehnten das von Braml prognostizierte weltweite Ausmaß dieser Veränderungen ermessen können. Doch die Ursachen diese Umbrüche seien heute schon klar: „Es sind die sozialen Gleichgewichtsstörungen, die politische Ohnmacht, die wirtschaftlichen Herzrhythmusprobleme und die energetische Antriebsschwäche der vom Kollaps bedrohten Supermacht. Diese Beschwerden werden den amerikanischen Patienten daran hindern, seine vitalen Interessen in der Welt so umsichtig zu vertreten wie bisher. Wir sollten uns in unserem eigenen Interesse darauf einstellen.“