Fred Vargas, Die Nacht des ZornsAuch in ihrem neuen Buch Die Nacht des Zorns geht die 1957 in Paris geborene und unter dem Künstlernamen Fred Vargas publizierende französische Schriftstellerin und Archäologin mit dem Spezialgebiet Mittelalter weit zurück in die Geschichte Frankreichs und bleibt gleichzeitig ganz aktuell in der Gegenwart. Zu einen geht es um eine mythische Legende in einem Dorf in der Normandie. Es ist die Legende vom „wütenden Heer“, die der Historiker Orderic Vital im 12. Jahrhundert aufzeichnete und die bis in die heutigen Tage in bestimmten Perioden die Menschen in dem Dorf beschäftigt. Nach dieser Legende greift sich eine Gruppe mittelalterliche Reiter diejenigen aus dem Dorf, die ein bislang ungeahndetes Verbrechen begangen haben oder sonst irgendwelche Schuld auf sich geladen haben. Immer wieder tauchen alle paar Jahrzehnte mit seherischen Gaben versehenen Menschen auf, die das „wütende Heer“ sehen und denen auch die Namen der Menschen, die zu Tode kommen werden, offenbart werden.

Als eines Tages eine alte, verwirrt scheinende Frau bei Kommissar Adamsberg im Büro auftaucht, und berichtet, ihre Tochter habe das „wütende Heer“ gesehen, und auch einen Namen genannt, beginnt Adamsberg nach ersten Zweifeln sich mit der Sache zu befassen. Er fährt zum Entsetzen seiner Kollegen, die Fred Vargas wieder in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit beschreibt, in das Dorf in der Normandie und beginnt zu ermitteln.

Das ist sozusagen der eine Handlungszweig, der anhand einer Legende aktuelles Unrecht beschreibt. In einem zweiten wird etwa zu der Zeit, als die alte Frau aus dem Dorf in der Normandie Adamsberg zum ersten Mal aufsucht, ein Auto abgefackelt. Etwas, das nicht nur in französischen Städten häufig vorkommt. Sofort wird Momo verdächtig, auch von Adamsbergs Kollegen. Denn in dem Auto ist ein hochgestellter und angesehener Industrieller mit viel Einfluss in der Politik zu Tode gekommen, und die Vorgesetzten bis hinauf zum Minister verlangen schnelle Aufklärung, d.h. sie brauchen einen Schuldigen. Doch Adamsberg zweifelt. Er traut Momo keinen Mord zu und hat den Verdacht, irgendjemand wolle hier etwas vertuschen.

Es sind wieder einmal Adamsbergs besondere Methoden, seine mit viel Humor und Witz gezeichneten Kollegen aus seiner Brigade, eine der ungewöhnlichsten Ermittlungsgruppen der Krimigeschichte, die ich kenne, und sein Sinn für die Kleinigkeiten dieser Welt ( er ermittelt, wer in seinem Stadtteil Tauben die Beine zusammenbindet), die auch das neue Buch von Fred Vargas zu einer außergewöhnlich spannenden, aber auch genussvollen Lektüre machen.

Mit hintersinnigem Humor werden hier nicht nur Geschichten erzählt, sondern Vargas versteckt unverhohlen immer wieder ihre Kritik am mangelhaften Rechtssystem in Frankreich in ihren auch literarisch anspruchsvollen Texten.

Auch erhältlich als Print-Ausgabe