Rezension zu “Kursbuch Nr. 170 – Krisen lieben”
Das Kursbuch ist wieder da. Sven Murmann, Verleger des noch jungen Murmann Verlags hat es mit dem neuen Herausgeber, dem Soziologen Armin Nassehi, unternommen, die jahrzehntelange kritische Tradition des Kursbuches, die von Henning Marmulla in einem einleitenden Artikel „Verbindungen 1965/2012“ nachgezeichnet wird, fortzusetzen.
Dabei gibt es, wie Armin Nassehi und der Chefredakteur Peter Felixberger in ihrem Editorial feststellen, einen klaren Ausgangspunkt für das neue Kursbuch: „Wenn es ein Signum der gegenwärtigen modernen Gesellschaft gibt, dann ist es dies: Die Gesellschaft lässt sich nicht mehr aus einer Zentralperspektive her denken – und damit auch nicht aus einer Gegenperspektive, was das Geschäft der Kritik, der Reflexion, der Analyse schwieriger macht. Es ist keine gemeinsame Perspektive, kein Konsens, kein Fluchtpunkt mehr denkbar, um den angemessen zu erreichen die Kritik und das Kritisierte miteinander streiten – nicht einmal ein gemeinsamer Dissens. Unsere heutige Erfahrung ist eher die, dass die Gesellschaft nicht nur aus unterschiedlichen Perspektiven besteht, sondern dass diese unterschiedlichen Perspektiven auch mit dem besten Willen nicht zu einer richtigen oder legitimen und alternativlosen Seh- und Sprechweise hin aufgehoben werden können.“
Nassehi hat das früher schon eine „Gesellschaft der Gegenwarten“ genannt, eine Gesellschaft, „die nicht einmal mehr an die großen Ideen ihrer früheren Selbstbeschreibungen glaubt – sie ersetzt Ideen und Ideologien durch Kommunikation, sprich, durchs Weitermachen, durch Zustandsdeterminiertheit. Es geschieht, was geschieht, daraus gibt es kein Entrinnen.“
Für die neue Zeitschrift hat das Folgen. Sie will ein Forum sein bzw. werden der Perspektivendifferenz und ein Ort kompetenter Gelassenheit sein. Hans Magnus Enzensberger schrieb 1965 im ersten Kursbuch: „Kursbücher schreiben keine Richtungen vor. Sie geben Verbindungen an, und sie gelten so lange wie diese Verbindungen. So versteht die Zeitschrift ihre Aktualität.“
Das neue Kursbuch (auch erhältlich in der Print-Ausgabe) fühlt sich dieser Sentenz Enzensbergers verpflichtet mit dem Hinweis, dass es heute keine Kursbücher mehr gibt, d.h. die Verbindungen noch temporärer, noch instabiler, noch unerzählbarer werden.
„Der archimedische Punkt normativer und moralischer Wahrheit interessiert uns nicht. Gesellschaft als Ganzes ist sowieso nicht mehr darstellbar“. Gesellschaft als multizentrisch und polykontextural zu sehen, zu beschreiben und zu interpretieren, daran müssen sich die Leser der alten Kursbucher ab 1965 sicher erst noch gewöhnen. Die Herausgeber verorten sich politisch so: sie stünden „dort, wo es gelingt, sich allzu sicheren Selbstverständlichkeiten zu entziehen.“ Früher hätte man das mal links genannt.
Wer sich darauf einlässt, wird in der ersten und sicher auch in der weiteren Ausgaben des neuen Kursbuches viele Anregungen bekommen, sein komplexes Leben und seine multizentrische Umwelt „polykontextural“ verstehen, interpretieren und natürlich auch gestalten lernen.
| Artikel drucken | Dieser Beitrag wurde von Winfried Stanzick am 25. April 2012 um 09:10 veröffentlicht und unter Rezensionen abgelegt. Du kannst allen Antworten zu diesem Beitrag durch RSS 2.0 folgen. Kommentare und Pings sind momentan deaktiviert. |




