Rezension zu “Machen Sie sich bitte frei” von Uwe Böschemeyer
In seinem neuen vielleicht bisher persönlichsten Buch Machen Sie sich bitte frei geht der Psychotherapeut und Existenzanalytiker (Viktor Frankl-Schule) Uwe Böschemeyer der Frage nach, warum in einem freien Land wie dem unseren dennoch so viele Menschen in ihrem persönlichen Leben von Angst regelrecht zugebacken sind und von ihrer Freiheit keinen Gebrauch machen. Schon beim ersten Durchblättern hatte ich den starken Eindruck, dieses Buch ist die auf der Ebene der Einzelpsyche argumentierende Ergänzung zum dem großen gesellschaftlichen und politischen Freiheitspathos, wie ihn der neue deutsche Bundespräsident Joachim Gauck in den meisten seiner Reden vertritt.
Diese Freiheit auf der gesellschaftlichen Ebene in eine zwar nicht notwendige, aber hinreichende Voraussetzung für das, was Böschemeyer für das Individuum postuliert. Denn er macht ganz deutlich, dass es nicht die Gene, auch nicht die Erziehung oder die sozialen Umstände sind, die primär für die Lebensqualität eines einzelnen Menschen bestimmend sind. Es ist allein wichtig, so Böschemeyer, ob der Mensch von seiner Freiheit, die er neben der Liebe als die wichtigste humane Eigenschaft bezeichnet, Gebrauch macht oder nicht.
In seinem anschaulichen und sehr verständlichen Buch nimmt er den Leser mit sehr vielen persönlichen Erfahrungen und Beispielen mit auf eine Reise in die eigene Furchtlosigkeit, die er wie eine Schwester der Freiheit beschreibt. Denn die Angst ist es, die Scheu vor den großen Problemen, die das Leben für jeden bereithält, die Hoffnungslosigkeit und das abwertende Denken über sich selbst, die den Menschen klein und unfrei machen.
Aber „Freiheit ist etwas Prickelndes, Weitendes, Kraftvolles, Heilmachendes, besonders Menschliches.“ Weil sie sozusagen zur Grundausstattung des Menschen gehört, können Menschen lernen, vor Problemen und Lebenskrisen nicht zu kapitulieren, sondern sich ihnen zu stellen, sie zu lösen und daran zu wachsen und immer reifer und freier zu werden.
Das vorliegende Buch zeigt auf sehr praktische Weise viele Wege auf, immer freier zu werden. Es ist ein zwar verständliches, dennoch aber sehr anspruchsvolles Programm, das Böschemeyer seinen Lesern zumutet. Es braucht Geduld, Ausdauer, Hoffnungskraft und eine Neuentdeckung für den eigenen Selbstwert. Auch ein Mensch, der Tragisches erfahren hat, der tief verzweifelt ist und ohne Hoffnung, der sich nichts mehr zutraut und eigentlich schon abgeschlossen hat mit seinem Leben, für das er keine neue Zukunft erkennen kann – auch dieser Mensch kann die Freiheit erleben. Es geht um das Wachwerden für ein neues, freies Leben, das Erich Fried in einem Gedicht, das Böschemeyer zitiert, so beschrieben hat:
„Kleines Beispiel
Auch ungelebtes Leben
geht zu Ende
zwar vielleicht langsamer
wie eine Batterie
in einer Taschenlampe
die keiner benutzt
Aber das hilft nicht viel:
Wenn man
(sagen wir einmal)
diese Taschenlampe nach so- und sovielen Jahren
anknipsen will
kommt kein Atemzug Licht mehr heraus
und wenn du sie aufmachst
findest du nur deine Knochen
und falls du Pech hast
auch diese
schon ganz zerfressen
Da hättest du
genau so gut
leuchten können.“
| Artikel drucken | Dieser Beitrag wurde von Winfried Stanzick am 23. April 2012 um 08:49 veröffentlicht und unter Rezensionen abgelegt. Du kannst allen Antworten zu diesem Beitrag durch RSS 2.0 folgen. Kommentare und Pings sind momentan deaktiviert. |




