Rezension zu “Ringo Rabe traut sich was” von Manfred Mai
Dieses schöne Bilderbuch über das Anderssein mit dem Titel Ringo Rabe traut sich was erinnert mich in seiner Thematik sehr stark an das leider wenig beachtete Bilderbuch von Helga Bansch, das unter dem Titel Ein schräger Vogel im Jahr 2008 bei Beltz & Gelberg erschienen ist.
Bei beiden Büchern geht es um einen Raben, der aus den Traditionen und Sitten, wie sie bei Raben seit Ewigkeiten üblich sind, heraus fällt und darum, schlussendlich zu seiner Andersartigkeit zu stehen und damit glücklich zu werden, auch wenn die Familie dafür kein Verständnis hat.
Ringo heißt der Rabe im vorliegenden Buch. Anders als seine beiden Brüder Mingo und Pingo traut sich Ringo nicht zu fliegen. Sehr zum Leidwesen seines Vaters. Doch auch seine Mutter hat wenig Verständnis und sagt harte Worte: „Aber Kind, das geht doch nicht! Ein Vogel muss fliegen, sonst ist er kein richtiger Vogel.“
Und weil seine Brüder und seine Eltern Lust zum Fliegen haben, lassen sie Ringo allein im Nest zurück, Doch der ist alles andere als traurig:
„Er hatte lange auf diesen Augenblick gewartet. Endlich konnte er das tun, was er bisher nur heimlich getan hatte: Singen! Er war furchtbar aufgeregt. Bisher hatte er ja nur nachts ganz leise gesungen, während die anderen schliefen. Nun würde er zum ersten Mal seine Stimme richtig hören.“
Und Ringo beginnt zu singen in den allerfeinsten Tönen. Schon bald sitzen viele Singvögel um ihn herum, und bestaunen seinen Gesang mit Respekt. Da kommt plötzlich Ringos Vater zurück und wundert sich über den Auflauf. Die Singvögel fordern Ringo auf, seinem Vater zu zeigen wie schön er singen kann, doch Ringo bekommt vor dieser ablehnenden Autorität keinen Ton heraus. Auch seine Mutter glaubt ihm nicht, und als der Vater apodiktisch bestimmt, in einem Rabennest werde einfach nicht gesungen, entschließt sich Ringo schweren Herzens, das Nest zu verlassen – und er kann fliegen. Und er setzt sich auf die Spitze eines Baumes und singt, „wie nie zuvor ein Vogel gesungen hatte.“
Ob auch Ringo, so wie der Rabe Robert in „Ein schräger Vogel“, irgendwann wieder zurückkehrt und in seiner Andersartigkeit akzeptiert wird, bleibt hier offen. Zu wünschen wäre es.
Ein zauberhaftes Bilderbuch über den Mut zur Individualität , den Zwang zum Konformen und darüber, wie das Bunte über das Schwarze siegt, die Lebenslust über den Lebensfrust, das Spontane über die strenge Ordnung, die Phantasie über die Disziplin.
| Artikel drucken | Dieser Beitrag wurde von Winfried Stanzick am 11. Juni 2012 um 08:54 veröffentlicht und unter Rezensionen abgelegt. Du kannst allen Antworten zu diesem Beitrag durch RSS 2.0 folgen. Kommentare und Pings sind momentan deaktiviert. |




