Unsere SciFi Empfehlungen: Spannung und Wissenschaft am Rande des Wirklichen

© Thomas Budach

Wir haben wieder ein paar neue Science Fiction-Perlen für euch herausgesucht. Der Roman von Pola Oloixarac stellt einen Computer-Hacker als romantisierten Helden des Buches dar, denn seine Viren werden als Kunstwerke betrachtet. In seinem Job ist er restlos unterfordert und beginnt schließlich, sich mit einem neuen Projekt zu beschäftigen, welches ungeahnte Folgen hat. Autorin Laurie Penny hat einen neuen facettenreichen Sammelband von Kurzgeschichten veröffentlicht, in dem es mitunter um Verschwörungstheorien, Genialität, Feminismus, Kapitalismus und Emanzipation geht. Und doch sind ihre Ideen gar nicht so weit von der Gegenwart entfernt. Anja Kümmel verschriftlicht die Auswirkungen eines Risses in der chronologischen Zeitenfolge der Erde und schafft eine unglaubliche Geschichte über zwei Personen, die in der falschen Zeit gestrandet sind. Die letzte Perle ist ein Roman aus dem Schatz der sagenhaften Alice Sheldon, die unter dem Pseudonym James Tiptree, Jr. geschrieben hat. Viel Spaß beim Lesen!

Kryptozän 

Zu Beginn der 1980er Jahre kommen sich in der subtropischen Sommerhitze Brasiliens eine Anthropologin und ein Flugzeugingenieur näher. Das Resultat dieser Verbindung von jüdisch-argentinischer und brasilianischer DNA heißt Cassio Liberman Brandão da Silva: Der Held ist geboren. Sozialisiert mit Castle Wolfenstein und Musik von den Dead Kennedys, erweist sich Cassio früh als Wunderkind der Kryptografie, dessen Viren in der Hacker-Szene als Kunstwerke betrachtet werden. Doch wie so oft bei Genies ohne Talent zur Entschlüsselung ihrer Mitmenschen, vereinsamt er zusehends. Der Programmierjob im Start-up ist eine Beleidigung für sein Gehirn und der Untergrundruhm vergessen – bis aus dem Nerd schließlich ein Weltenretter wird: Als Cassio genetische und digitale Daten zu mischen beginnt, erkennt er eine Wahrheit, die andere Forscher lange vor seiner Zeit bereits erahnt hatten.

Die Argentinierin Pola Oloixarac erschafft mit ihrem Roman eine ganz neue, monströse, virtuelle Welt, in der sie den Hacker zum Helden romantisiert. Eine Forschergruppe ist dabei, den gesamten lateinamerikanischen Genpool zu digitalisieren und erschaffen somit das gigantische Projekt Stromatolithon, eine Art Cyber-Kryptogramm.

Babys machen & Andere Storys

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Annie ist sauer auf ihren Mann Simon, weil dem das Baby im Kindersitz vom Autodach gefallen ist. Zum Glück ist Annie Robotikingenieurin und das Baby nur eine Maschine. Simon hat nun mal einfach kein Händchen für komplizierte Technik…

Ein Geschäftsessen im Stripclub, und als Schmuckstück der Firma unter all den mächtigen älteren Frauen: der junge, hübsche Praktikant. Er weiß, dass der Mann von heute alles haben kann, Karriere und Sexappeal! Also lacht er mit – und heult höchstens heimlich auf dem Klo…

Die misanthropische Ms Lehman arbeitet in einer staatlich geförderten Medienagentur, die zur Hebung der Volksmoral Welpenvideos online stellt. Niemand hätte ihr die Tierbefreiungsaktion im Lisbeth-Salander-Style zugetraut, doch auch das Video davon ist ein Hit…

Laurie Penny gilt als bedeutendste Stimme des Feminismus in Großbritannien. Mit ihren Facettenreichen Romanen von dunkel bis leuchtend weiß, beinahe grell, sprengen ihre Geschichten jeden biederen Realismus und zeichnet mit ihrem bösen Humor fantastische Skizzen von fernen Welten. Nach ihren beiden erfolgreichen Romanen “Unsagbare Dinge” und “Fleischmarkt”, legt sie nun zehn Erzählungen in Form von feministischer Science-Fiction vor, die von Liebe, Emanzipation und Feminismus handeln. Dabei sind die Erzählungen gar nicht so weit von der Realität entfernt, wie es zunächst scheint.

Die erste Geschichte, die Hauptgeschichte handelt von Annie, sie ist Robotikingenieurin und macht sich ein Baby, eines aus Computerchips, Stahl und Silikon – das ihr Mann in einem Kindersitz vom Autodach fallen lässt. Annie wird sauer, weil dieser sich wie ein absoluter Rabenvater verhält, aber ist diese Situation nicht auch gleichzeitig zum Gruseln? Denn diese Babypuppen existieren ja bereits – und sind abschaltbar. Eine weitere Kurzgeschichte handelt von der Idee, dass die – für viele Menschen beliebten – Katzenvideos, die im Internet kursieren, als Opium für das Volk betrachtet werden und eigentlich zu einer riesigen Verschwörung gehören und die dafür sorgen, dass die Menschheit ihr unerträgliches Dasein aushält.

V oder die Vierte Wand

cover-v-die-vierte-wandLondon in nicht allzu ferner Zukunft. Private Überwachungsorganisationen und chinesische Konzerne kontrollieren die Stadt. Ihre Bewohner sind gechippt und permanent online, sämtliche Interaktionen in der Cloud gespeichert. Nur im East End leben einige Anonyme, die sich der ständigen Beobachtung entziehen.
Im Jahr 1980 macht sich der junge Mexikaner Mesca von Los Angeles auf den Weg nach London, um seine verlorene Liebe zu suchen. Doch statt auf Post-Punk und New Wave trifft er auf eine düstere Stadt voller Drohnen und futuristischer Technologie. Und auf einen Typen im Hasenkostüm, der ihn mitnimmt in den Maschinenraum dieser schönen neuen Welt.

Der Typ im Hasenkostüm ist Squid, ein Charakter dem eher eine geringere Handlungsrolle zufällt, aber gleich zu Beginn plakativ darstellt, dass dem weißen Hasen gefolgt werden muss. Dieser führt Mesca durch ein unbestimmtes, dystopisches, futuristisches London, in der sich Mesca verständlicherweise nur schwer zurecht findet. Was dieser aber nicht weiß, ist, dass er nicht der einzige Fehlgezeitete ist. Außer ihm gibt es noch eine weitere Person, die durch einen Riss im chronologischen Gefüge gefallen ist. Das ist aber noch nicht alles: Mesca und die andere haben quasi ihr zeitliches Dasein vertauscht und begegnen sich nun doch in unterschiedlichen Zeiten an Punkten, wo diese sich einfach überschneiden.

Die Mauern der Welt hoch

cover-james-tripteeWährend auf der Erde Dr. Daniel Dan ein lang geplantes Experiment zu Telepathie medizinisch betreut und dabei gegen seine eigenen Abgründe kämpft, kehrt Tivonel, ein rochenartiges Wesen, in ihre Heimat Tyree zurück. Dort erfährt sie schon bald, dass ihre Welt bedroht wird von einem alles vernichtenden riesigen Zerstörer, der ziellos durchs All treibt und eine Galaxie nach der anderen verschlingt. Doch Rettung scheint in Sicht, als einige Bewohner von Tyree mittels Teleportation auf die Gruppe um Dr. Dan stoßen.

Im August 2015 wäre Alice Sheldon alias James Tiptree Jr. 100 Jahre alt geworden. Gut zwanzig Jahre lang dominierte Sheldon die Science Fiction, wie kaum jemand zuvor. Ihre Ideen sowie ihre Originalität waren einzigartig. Sie verwendete keine altbekannten Muster, stützte sich nicht auf bereits Geschriebenes, um dies neu auszulegen, sondern erschuf in ihrem fabelhaften Stil ganz neue Welten. Faszinierend ist auch, dass Sheldon rund zwölf Jahre unter ihrem männlichen Pseudonym schrieb, bis dieses aufflog, da in ihren Storys häufiger Gender-Motive auftauchten. Der Gedanke, dass sich hinter dem Pseudonym eine Frau verbergen konnte wurde in den 70ern noch schlichtweg als absurd deklariert, weil Tiptrees Schreibstil eindeutig zu maskulin sei.

Alice Sheldons Romane zählen zu den besten Werken der Science Fiction und gelten mittlerweile als Klassiker.

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