Drei Fragen an Alina Herbing

Urig-gemütliche Bauernhöfe aus Fachwerk, kuschelige Lämmchen,  selbstgemachte Marmelade: Solche Klischee-Bilder eines Dorfidylls zeigt Alina Herbing in ihrem Debütroman nicht. Stattdessen: vernachlässigte Kälber, übervolle Fliegenfänger an Küchendecken, tradierte Geschlechterrollen. Und über alledem schwebt die ständige Frage, wie man aus dem Dorf den Absprung in die Freiheit schaffen kann?

Sie sind in Lübeck geboren und leben heute in Berlin. Ihr erster Roman spielt auf dem Land, in einem Dorf im Norden Mecklenburgs. Wie kam es dazu?
Ich lebe erst seit drei Jahren in Berlin, den größeren Teil meines bisherigen Lebens habe ich in Mecklenburg-Vorpommern verbracht. Als ich 7 Jahre alt war, sind meine Eltern mit mir und meinen Geschwistern in ein winziges Dorf im ehemaligen Grenzgebiet der DDR gezogen. Das war Anfang der 1990er Jahre. Als Kind fand ich das schön mit den vielen Tieren und der Natur, andererseits hatten wir nur Ofenheizung und lange kein Badezimmer, nur ein Plumpsklo im ehemaligen Schweinestall. Je älter ich wurde, desto mehr wollte ich weg von dort. Es war alles irgendwie trostlos. Im Schulbus wurde man von Alkoholikern vollgelabert. Wenn jemand mit der falschen Frisur beim Dorffest auftauchte, wurde er zusammengeschlagen. Und ständig verschwand irgendjemand im Knast oder in der Entzugsklinik. Während andere in meinem Alter auf bilingualen Gymnasien Planspiele spielten, trank ich Wodka-Red Bull mit Neo-Nazis. Lange dachte ich, weil ich so viel Zeit auf dem Land vergeudet hatte, hätte ich überhaupt keine Chance mehr, irgendwas zu erreichen.

Christin, aus deren Perspektive Sie erzählen, gehört wie Sie zu einer Generation, die die DDR nicht mehr miterlebt hat, sondern in der Nachwendezeit aufgewachsen

Alina Herbing

ist. Was hat sie besonders an dieser Figur gereizt?
Christin ist zwar vor der Wende geboren, kann sich aber an die DDR kaum noch erinnern. Trotzdem wurde sie von einer Elterngeneration erzogen, die weitestgehend im Sozialismus gelebt hat. Auch wenn die DDR als Staat seit dem 3. Oktober 1990 nicht mehr existiert, leben viele Werte und Gesellschaftsvorstellungen immer noch fort und stehen in ständiger Wechselwirkung mit all den Einflüssen einer globalisierten Welt, die über Fernsehen und Internet in die Wohnstuben jedes noch so verlassenen Dörfchens vordringen und dabei Wünsche, Erwartungen und Ängste auslösen. Vornehmlich Männer sehnen sich nach einem traditionellen Familienbild, das ihnen als Ernährer wieder mehr Bedeutung zukommen lässt. Da machen aber immer weniger Frauen mit. Aus keiner Region in Europa wandern prozentual so viele Frauen ab, wie aus den ländlichen Regionen Ostdeutschlands. Die Männer bleiben frustriert zurück. Mit den Frauen verschwindet auch das Gefühl, sich dort eine glückliche Zukunft aufbauen zu können.

Können Sie Christins Zerrissenheit zwischen der Sehnsucht nach einem anderen Leben und der Unfähigkeit, das vertraute Umfeld aus eigener Kraft hinter sich zu lassen, persönlich nachvollziehen?
Sie selbst haben den Absprung ja geschafft. Ich glaube der Roman ist der Versuch, sie zu verstehen. Auch ich war und bin in der Gesellschaft, in der Christin lebt, sehr verankert. Alles dort ist mir vertraut. Ich bin allerdings nicht über Generationen ans Landleben gebunden, meine Eltern sind in West-Berlin geboren und haben einen ganz anderen Hintergrund. Trotzdem kann ich Christins Art zu Handeln sehr gut nachvollziehen. Ich konnte mir mit achtzehn nicht mehr vorstellen, dort zu leben, andererseits war das Leben, das ich nicht wollte, das einzige, das ich hatte. Vertrautheit und Gewöhnung können ja oft auch ein Gefängnis sein, und es erfordert Mut, sich daraus zu befreien, besonders, wenn man niemanden außerhalb der Welt, der man entfliehen möchte, kennt. So etwas gibt es in verschiedenen Lebenssituationen immer wieder. Das unerträglich Vertraute ist immerhin vertraut. Was noch kommt und ob das wirklich besser ist, weiß man erstmal nicht.

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