Rezension zu Chimamanda Ngozi Adichies „Americanah“

AmericanahFür unsere Bloglesern haben wir uns diesmal mit dem mehrfach ausgezeichneten Roman „Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie beschäftigt und rezensiert.

Chimamanda Ngozi Adichie ist eine der großen jungen Stimmen der Weltliteratur. Insgesamt wurde Adichies Werk in 37 Sprachen übertragen und sie steht auf der renommierten Liste der “20 besten Schriftsteller unter 40” des “New Yorker”. “Americanah” wurde mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Die Autorin wurde 1977 in Nigeria geboren und lebt heute in Lagos und in den USA.

 

Worum geht’s?

Obwohl in den USA erfolgreiche und angesehene Akademikerin kehrt Ifemelu in ihre Heimat Lagos und zu ihrer großen Liebe Obinze zurück, ohne zu wissen, ob diese tatsächlich eine zweite Chance bekommen wird. Vor mehr als 10 Jahren wanderte sie für ihr Studium aus und schaffte es, auch danach weiter Fuß zu fassen. Dennoch verließ sie ihr Heimweh nie ganz, denn in Amerika wurde sie sich auch zum ersten Mal ihrer eigenen Hautfarbe bewusst. Immer wieder erfuhr Ifemelu, dass man ihr automatisch eine niedrigere gesellschaftliche Position zuschreibt. Aber auch Obinze führt zwischenzeitlich ein eigenes Leben. Nachdem seine Auswanderung nach England scheiterte, wurde er in Nigeria zum erfolgreichen und wohlhabenden Geschäftsmann.

Wie fand ich die Handlung?

Eingebettet in die oben geschilderte Rahmenhandlung erzählt Adichie unterbrochen von gelegentlichen Einschüben aus der Gegenwart weitestgehend chronologisch. Dabei verfolgt sie nicht nur Ifemelus Weg in den USA sondern zeichnet auch Obinzes Leben nach. Im letzten Drittel des Buchs werden alle Stränge schließlich zusammengeführt und man erlebt Ifemelu nach ihrer Rückkehr nach Nigeria, wo sie auch Obinze wieder sieht.
Trotz einer sehr bewegten, vielschichtigen Handlung fand ich mich mühelos innerhalb der Geschichte zurecht. Es fiel mir stets leicht, die Orientierung behalten und die notwendigen Zusammenhänge herzustellen.

…die Charaktere?
Es fiel mir zunächst schwer, ein genaues Bild von Ifemelu zu bekommen. Auch später strapazierte sie immer wieder meine Nerven. Aus beinahe allem macht Ifemelu einen Rassenkampf, bei dem sie sich selbst diskriminiert und benachteiligt darstellt. Manchmal erschien sie mir ein wenig überempfindlich und ihre Interpretationen zu weit hergeholt. Dann wurde ich schrecklich ungeduldig – ob nun mit Ifemelu oder mit mir, ist mir selbst nicht ganz klar -, weil ich ihre Gedanken und Gefühle einfach nicht ganz nachvollziehen konnte. Diese heftigen Reaktionen ließen erst nach, als es mir gelang, Ifemelus Wahrnehmungen schlicht zu akzeptieren, ohne sie bis ins Detail „überprüfen“ zu müssen.

Mit dieser veränderten Einstellung zum Text änderte sich schließlich auch meine Lesart. Plötzlich war ich erschüttert und erschöpft zugleich von der überall mehr oder weniger gut versteckt zu Tage tretenden rassistischen Diskriminierung. Überall schien die „weiße“ Art den Maßstab zu bilden. Obwohl ich mich selbst immer als offenen und toleranten Menschen sah, erkannte ich durch Ifemelu, dass auch ich in einigen Bereichen nicht einmal eine andere Art als meine (weiße) Sichtweise für möglich hielt. Ifemelus Darstellungen sind sicherlich besonders radikal. Sie sieht sich selbst ein Stück weit außerhalb des Systems stehend, denn als nicht-amerikanische Schwarze nimmt sie noch einmal eine Sonderstellung ein. Lässt man sich aber erst einmal ernsthaft auf ihren Blickwinkel ein, öffnet Ifemelus Sicht dem Leser/der Leserin die Augen für die eigene Rasseblindheit. So den Spiegel vorgehalten zu bekommen, ist nicht immer angenehm aber sehr lehrreich. Schon allein deshalb lohnte sich die Lektüre von „Americanah“.

Obinze hingegen blieb für mich neben Ifemelu leider ziemlich blass, obwohl man auch über ihn eine Menge erfährt. Aufgewachsen bei einer sehr modernen und emanzipierten alleinerziehenden Mutter, die ich wesentlich interessanter fand als Obinze selbst, fühlt er sich zu selbstbewussten, unangepassten Frauen wie Ifemelu hingezogen. (Eine echte Seltenheit in der Literatur, die ich innerlich sehr bejuhlte.) Seine gescheiterte Auswanderung nach Europa scheint ihn aber etwas zu desillusionieren und er findet sich in einer typischen Hausfrauenehe wieder.
Interessant an dieser Figur fand ich jedoch, dass anhand von Obinze auch die Unterschiede zwischen den Integrationschancen in den USA und Europa deutlich gemacht werden. Für mich wenig überraschend, aber nichtsdestotrotz sehr eindrücklich schildert Adichie von den zahlreichen Hürden, die Obinze als Nigerianer in England in den Weg gelegt werden.

Wie gefiel mir das Buch insgesamt?

Mit „Americanah“ legt Chimamanda Ngozi Adichie einen vielschichtigen, manchmal recht unbequemen Auswandererroman vor. Auch wenn ich mir zunächst schwer damit tat, einen Zugang zum Buch zu finden, möchte ich diese Leseerfahrung im Nachhinein nicht missen. Adichies Roman nimmt sich einer hochaktuellen, wichtigen Thematik an, indem er sehr eindrücklich die Erfahrungen einer jungen Nigerianerin bei ihrer Auswanderung in die USA schildert. Selten wurde der in Amerika noch immer existierende (versteckte) Rassismus so eindrucksvoll und authentisch geschildert wie in „Americanah“. Geschickt hält Adichie ihren LeserInnen einen Spiegel vor und lässt sie so über die eigene Vorurteile reflektieren. Dies ist weiß Gott nicht immer angenehm und führte bei mir zunächst zu einer gewissen Ablehnung; insgesamt war es jedoch eine sehr lehrreiche und wertvolle Erfahrung.

Adichies Hauptprotagonistin Ifemelu besitzt zudem Vorbildcharakter als sehr selbstbewusste und willensstarke Frau, die es schafft, gestärkt aus den kleinen und großen Krisen des Lebens hervorzugehen. Anstatt sich der ständigen Diskriminierung geschlagen zu geben und bestimmte Dinge einfach zu akzeptieren, sieht sie darin tägliche Herausforderungen, an denen sie sich abarbeiten und weiter wachsen kann, was ihr auf beeindruckende Weise gelingt.

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