Interview mit Dirk Bathen zu “Zeitgruppe Null”

Bathen_Zeitgruppe_NullEin Amoklauf in einem Hamburger Einkaufszentrum verschafft Felix Breidel eine zweifelhafte Premiere. Acht Tote. So viele hatte es noch nie gegeben, in fast 25 Jahren Polizeiarbeit nicht. Der Attentäter war Mitglied im Slow-Circle, einem Verein, der sich für ein bewussteres Lebenstempo in der schnelllebigen Gesellschaft einsetzt. Während Breidel mit den Ermittlungen seine Eheprobleme verdrängt, führt ihn die Spur zu BraInfluence, einem Pharma-Unternehmen, das eine besondere Methode entwickelt hat, leistungssteigernde Medikamente zu verabreichen… Im Interview berichtet der Autor Dirk Bathen über seinen neuen Kriminalroman “Zeitgruppe Null”, ein langsameres Lebenstempo und den Spagat zwischen Technik, Stress, Dauererreichbarkeit und Ruhe und Geborgenheit.

 

 
Laut deiner Homepage bist du Soziologe und Autor, Innovations-und Strategieberater, Markt-/Gesellschaftsforscher, Moderator und Workshop-Facilitator, Längsdenker und Querdenker, Universaldilettant, Textverdunkler und Vater dreier Töchter. Was davon bist du denn am liebsten?

Alles. Aber nie alles zur gleichen Zeit, sondern je nach Laune und Situation mal das eine mehr, das andere weniger. Die Homepage habe ich gemacht, als ich angefangen habe freiberuflich zu arbeiten, und da muss man sich mitunter mit Fragen beschäftigen, die etwas wehtun: Wer bin ich eigentlich? Was kann ich? Wie und womit möchte ich mich im sogenannten Markt positionieren. Ich habe aber aufgegeben, das auf ein oder zwei Aspekte zu reduzieren, weil es einfach so viel gibt, das ich gerne mache oder machen möchte. Lewis Carroll hat das schön beschrieben. Als die Raupe Alice im Wunderland fragt, wer sie denn sei, antwortet sie: Ich weiß es selbst kaum, das heißt, ich weiß, wer ich heute früh beim Aufstehen war, aber ich muss seither wohl mehrere Male jemand Anderer geworden sein.

Bevor du dich 2012 selbstständig gemacht hast, hast du zehn Jahre in der Konsumforschung und Markenberatung gearbeitet. Warum bist du dann den Schritt in die Freiberuflichkeit gegangen?

Geplant war das eigentlich nicht. Das hat sich so ergeben. Ich habe in einer Branche gearbeitet, in der Überstunden eher die Regel als die Ausnahme sind. Irgendwann war ich dann Geschäftsführer, hatte zwei Kinder und habe gemerkt, dass ich die Kinder fast nur noch am Wochenende sehe, und dass ich selbst dann mit dem Kopf im Büro war, wenn ich mit den Kindern gespielt habe. Das hat ziemlich genervt. Ich habe mich dann entschieden, das Alte aufzuhören, ohne zu wissen, was kommt und wie es weitergeht. Der Leidensdruck war damals größer als das Sicherheitsbedürfnis. Und nach einer kleinen Auszeit war ziemlich schnell klar, dass ich das freiberufliche Arbeiten einfach mal ausprobieren möchte. Den Schritt habe ich bis heute nicht bereut. Es bedeutet zwar mehr finanzielle Unsicherheit, ist aber auch ein enormer Freiheitsgewinn.

Apropos Auszeit, in deinem neuen Roman geht es um einen Verein, der sich für ein bewussteres Lebenstempo in der schnelllebigen Gesellschaft einsetzt. Dem sogenannten “Slow Circle”. Ist das ein persönliches Motiv, das du literarisch verarbeitest hast?

Ich fand diese ganze Debatte um Slow Life und Entschleunigung schon sehr lange interessant. Darauf gestoßen bin ich kurz nach der Einführung des ersten iPhones. Es war sehr früh klar, dass
diese neuen technischen Möglichkeiten gravierenden Einfluss auf unser Leben haben werden. Früher war es ein Nachteil, wenn ein Hotel keinen Internetzugang hatte, heute wird es als Wellness-Vorteil und „Digital Detox“ verkauft. Ich persönlich bin da auch gefangen, und da nützt es gar nichts, einen kritischen Blick darauf zu haben oder das Thema aus einer Meta-
Perspektive zu betrachten. Diese gesellschaftliche und ökonomische Schnelligkeit interessiert mich als Betroffener und als Beobachter. Im Grunde ist dieser „Slow Life“-Gedanke eher ein Sehnsuchtsfeld. Alles etwas langsamer angehen, öfter mal Auszeiten nehmen, bewusster leben. Wer will das nicht? Je dynamischer und hektischer die Welt gefühlt wird, umso größer wird der Wunsch nach Abstand und Innehalten. Aber man muss das nicht nur wollen, man muss das vor allem auch können. Das ist in der heutigen Leistungsgesellschaft mit dem ganzen Produktivitätsdruck des „Besser-Höher-Schneller-Weiter-Mehr“ extrem schwerumsetzbar. Stillstand ist heute zum Rückschritt geworden. Either you´re in the game–or you´reout. Ich behaupte nicht, dass es unmöglich ist, aber das Spiel mit halber Kraft zu spielen, das setzt schon viel voraus. Man möge einfach mal versuchen, eine Führungsposition in Teilzeit zu bekommen…

Neben dem dystopischen Motiv entwickelt sich in “Zeitgruppe Null” auch eine packende Kriminalermittlung. Kannst du in wenigen kurzen Sätzen beschreiben, was den Ermittler Breidel alles in deinem Roman erwartet?

Naja, zunächst mal ein Amoklauf mit acht Toten. So etwas hat Felix Breidel in 25 Dienstjahren noch nicht erlebt. Was dann noch alles auf ihn zurollt, will ich natürlich nicht im Detail verraten. Aber es hat viel mit Scheitern zu tun, denn Scheitern ist der Gegenpol zum vorherrschenden Weltbild des Produktiven und Perfekten. Breidel kämpft mit dem Zuspätkommen, mit Fragen und Vermutungen, die auch vor der eigenen Identität und Sinnfragen nicht Halt machen, und er kämpft mit dem schweren Duft vollendeter Tatsachen.Wissenschaftler, die leistungssteigernde Medikamente herstellen und Firmen, die diese an ihre Mitarbeiter austeilen -“Zeitgruppe Null” zeichnet ein dystopisches Bild des medizinisch-technischen Fortschritts.

Möchtest du mit deinem Roman explizit Gesellschaftskritik üben? Müssen wir uns wieder auf ein langsameres Lebenstempo einlassen, sonst droht die Katastrophe?

Die Frage suggeriert, dass ein langsameres Lebenstempo eine Katastrophe vermeiden könnte. Ich bin zu wenig Optimist, um das zu glauben. Dann kommt die Katastrophe halt etwas später. Aber sie kommt. Es gibt eine Stelle in dem Buch, die zitiert den italienischen Sozialphilosophen Antonio Gramsci: „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“ Das trifft die aktuelle Lage ganz gut. Wir befinden uns gerade in einer Phase, in der wir uns mehr als sonst fragen müssen: In welcher Welt wollen wir eigentlich leben? Und wie kann es anders gehen? Und damit meine ich nicht nur die technologischen Gegebenheiten, sondern auch wichtige gesellschaftliche Entwicklungen wie die Polarisierung zwischen Arm und Reich, globale Konflikte und Migrationsbewegungen oder den ökologischen Raubbau an diesem Planeten. Aber zurück zur Leistungssteigerung: Alle klagen über Zeitmangel und Stress, müssen sich aber
permanent verbessern, um mithalten zu können. Gewinner sind die, die ihr Leben an Leistung und Wachstum ausrichten und dem Diktat der Optimierung folgen – oder folgen müssen, weil sie sonst „freigesetzt“ werden. Wen wundert´s dann, dass immer mehr Menschen zu Psychopharmaka greifen und Hirndoping betreiben, um im Job besser mithalten zu können? Der Philosoph Byung-Chul Han hat einmal gesagt: „Wir optimieren uns zu Tode“. Ich habe versucht, den Satz wörtlich zu nehmen. Derzeit werden solche Neuroenhancer ja meist oral eingenommen – und bewusst. Aber was geschieht, wenn es die Möglichkeit gibt, diese Mittel auch auf größere Entfernung über die Atemwege aufzunehmen, ohne dass die Menschen davon wissen? Vorbild für diesen Gedanken ist die Geruchswerbung oder das Duftmarketing, das von immer mehr Unternehmen eingesetzt wird

Wie schaffst du den Spagat zwischen Technik, Stress, Dauererreichbarkeit und Familie, Ruhe, Geborgenheit? Hast du klare Regeln, um deinen Alltag zu entschleunigen?

Leider nein. Keine klaren Regeln. Wobei ich in den letzten Monaten dafür neu sensibilisiert wurde. Meine älteste Tochter hat zu ihrem 10. Geburtstag ein Smartphone geschenkt bekommen. Das ist
der beste Spiegel für mein eigenes Fehlverhalten. Mir ist es wichtig, sie darin zu unterstützen, vernünftig und verantwortungsvoll mit diesem Ding umzugehen. Und das ist auch Eigennutz und
Selbstschutz, denn es hilft mir, meinen eigenen Umgang zu reflektieren. Das führt dann regelmäßig zu Diskussionen und zum Ausprobieren neuer Regeln. Wir legen jetzt alle Telefone im Flur auf eine Kommode, und da bleiben sie dann auch liegen, wenn gemeinsame Aktivitäten anstehen wie z.B. Abendessen. Und wenn dann das Telefon klingelt, gehe ich einfach nicht ran. Das sind so
Kleinigkeiten.

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Das Interview führte Laura Sonnefeld von edel & electric.

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