Rebecca Gablé – unsere Autorin des Monats im Interview

Ihr erster Kriminalroman Jagdfieber bescherte Rebecca Gablé 1996 eine Nominierung für den Friedrich-Glauser-Preis. Ihr zweites Buch – diesmal aus dem Genre des historischen Romans – mit dem Titel Das Lächeln der Fortuna bedeutete den literarischen Durchbruch. Für Die Hüter der Rose erhielt sie 2006 zudem den Sir Walter Scott-Preis.

Die deutsche Bestsellerautorin wurde am 25. September 1964 am Niederrhein geboren und machte nach der Schule zunächst eine Lehre als Bankkauffrau. Nachdem sie vier Jahre in diesem Beruf gearbeitet hatte, beschloss sie, in Düsseldorf Deutsche und Englische Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Mediävistik zu studieren. Seit ihren ersten Erfolgen veröffentlicht Rebecca Gablé etwa alle zwei Jahre einen neuen Mittelalterroman, von denen alle zu Bestsellern geworden sind. Heute lebt sie mit ihrem Mann in der Nähe von Mönchengladbach.

Entdecken Sie bei eBook.de alle Bestseller von Rebecca Gablé als eBooks, portofreie Bücher oder Hörbücher oder Hörbuch Downloads.

Ein Historischer Waringham-Roman

Teufelskrone als Buch

England 1193:
Als der junge Yvain of Waringham in den Dienst von John Plantagenet tritt, ahnt er nicht, was sie verbindet: Beide stehen in Schatten ihrer ruhmreichen älteren Brüder. Doch während Yvain und Guillaume of Waringham mehr als die Liebe zur selben Frau gemeinsam haben, stehen die Brüder John Plantagenet und Richard Löwenherz auf verschiedenen Seiten – auch dann noch, als John nach Richards Tod die Krone erbt. Denn Richards Schatten scheint so groß, dass er John schon bald zum Fluch zu werden droht …

Im Interview: Rebecca Gablé über “Teufelskrone” und ein Einblick in den Waringham-Stammbaum

TEUFELSKRONE ist der 6. Roman Ihrer Waringham-Saga um die fiktive, in England lebende Familie, deren Geschicke Sie über Generationen hinweg mit der Historie verweben. Was ist für Sie als Autorin der besondere Reiz am Waringham-Kosmos?

Seine Eigendynamik. Als ich vor mehr als 25 Jahren das erste Kapitel von Das Lächeln der Fortuna schrieb, hatte ich keine Ahnung, dass der Ausreißer, der da nachts aus der Klosterschule schlich, eine Dynastie begründen würde. Sechs Romane später ist Waringham durch einen langsamen und natürlichen Wachstumsprozess zu einer komplexen Welt geworden. Wenn ich in meiner Phantasie nach Waringham komme, weiß ich, wie es dort aussieht und wie die Menschen ticken, die dort leben, nicht nur die Waringhams selbst, sondern auch die Bewohner von Dorf und Gestüt. Ich kenne die Traditionen und Geschichten ihrer Familien. Aber gelegentlich können Waringham und seine Menschen mich trotzdem noch überraschen.

Bei so vielen Generationen von Waringhams, wie behalten Sie da den Überblick?

Ich steige eigentlich noch ganz gut durch, aber zur Sicherheit habe ich immer einen Waringham-Stammbaum in Reichweite.

Mit TEUFELSKRONE gehen Sie zurück ins Mittelalter, was fasziniert Sie an der Epoche besonders?

Das Mittelalter ist unserer Gegenwart viel fremder als, sagen wir mal, die Renaissance oder sogar die Antike, wo die Wertesysteme unseren heutigen etwas ähnlicher waren. Trotzdem hat das Mittelalter uns stärker geprägt, als uns bewusst ist, und begegnet uns alle Naselang: ob in Redewendungen (jemand ist ein „Schlitzohr“, wird „pikiert“ oder ist „auf den Hund gekommen“, und es gibt zahllose weitere Beispiele), ob in unseren Vorstellungen von Galanterie und Höflichkeit oder der
schlichten Tatsache, dass noch heute beim Seite-an-Seite-Gehen der Mann bei fast allen Paaren links geht, die Frau rechts. Das rührt daher, dass er im Mittelalter im Bedarfsfall schnell an sein Schwert kommen musste, das bei Rechtshändern an der linken Seite hing. Außerdem war das Mittelalter viel besser als sein Ruf. Natürlich gab es Finsternis: Krieg, Seuchen und Willkürherrschaft, aber ebenso eine enorme Lebensfreude und eine große Zahl technischer Erfindungen. Es ist eine komplexe und facettenreiche Epoche, die nie aufhört, mich in ihren Bann zu ziehen.

Sie sind für Ihre genaue Recherche bekannt, wie war die Quellenlage für Ihren neuen Roman?

Ziemlich gut. Der zügellose König John hat die Chronisten – die ja ausnahmslos Kirchenmänner waren – so erzürnt, dass überdurchschnittlich viele von ihnen sich genötigt sahen, sich ihre Empörung von der Seele zu schreiben.

Im neuen Buch geht es um zwei Brüderpaare, ein historisches, Richard Löwenherz und John Plantagenet, und ein fiktives, die Waringham-Brüder Yvain und Guillaume. Welche Konstellation war schwieriger zu beschreiben?

Die Sache zwischen König Richard und seinem Bruder und Nachfolger John war relativ simpel: sie haben einander aus tiefster Seele verabscheut. Aber das Verhältnis zwischen Guillaume und Yvain ist ambivalent, darum war die Charakterisierung der Waringham-Brüder die größere Herausforderung.

Richard Löwenherz hat es, zumindest postum, geschafft, als strahlender Held in unser Bewusstsein eingegangen zu sein, als die Verkörperung des idealen Rittertums. Ist diese Glorifizierung der historischen Person nach Ihrer Meinung gerechtfertigt?

Nein. Richard war zweifellos ein hervorragender Kommandant und mutiger Soldat, was in den Augen seiner Zeitgenossen eine ritterliche und königliche Tugend war. Aber er war ein Schlächter. Grausam und so vollkommen empathieunfähig, dass es einen gruselt, wenn man ihm begegnet. Ich werde nie verstehen, was die Engländer selbst heute noch an ihm finden, denn England interessierte ihn überhaupt nicht, diente nur als Geldquelle für seine militärischen Ambitionen in Frankreich und in Palästina. Von seinen zehn Regierungsjahren hat er gerade einmal sechs Monate in England verbracht. Aber der Mythos vom edlen Heldenkönig hält sich hartnäckig.

Sein Bruder, John Plantagenet oder John Ohneland, kommt in den Chroniken eher schlecht weg, woran liegt das?

Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen. John hat versucht, die Macht an sich zu reißen, während Richard auf dem Rückweg vom Kreuzzug in Gefangenschaft geraten war. Einem heiligen Kreuzfahrerkönig so niederträchtig in den Rücken zu fallen, kam bei den frommen Chronisten natürlich gar nicht gut an. Damit stand der Tenor ihrer späteren Berichterstattung über John schon fest. Als John König wurde, ist ihm vieles misslungen, was Richard zuvor scheinbar mühelos geglückt ist. Einer von Johns Biographen hat geschrieben, Richard sei ein ewiger Glückspilz gewesen, John der ewige Pechvogel, und das stimmt. Aber wahr ist auch: John hat viele Fehler gemacht und Gräueltaten genug begangen, um seine schlechte Presse zu rechtfertigen.

Woher stammt sein Name Ohneland?

Den hat sein eigener Vater, Henry II., ihm gegeben. Der herrschte nicht nur über England, sondern auch über weite Teile Frankreichs und verteilte Stücke davon an seine Söhne: Henry, der Älteste, bekam die Normandie. Richard bekam Aquitanien, Geoffrey die Bretagne. Nur für John – den jüngsten – blieb nichts übrig, und darum zog sein Vater ihn auf und nannte ihn „sans terre“ – Ohneland.

Wo sehen Sie die positiven und wo die negativen Seiten seiner Amtszeit?

John hatte – im Gegensatz zu all seinen Brüdern – ein echtes Interesse an England. Er verfügte über weitreichende juristische Kenntnisse und hatte ein organisatorisches Talent in Verwaltungsangelegenheiten. Außerdem war er fleißig, was man nicht von vielen englischen Königen des Mittelalters behaupten kann. Er hat sich wirklich angestrengt, dem Land Ordnung und Rechtssicherheit zurückzugeben. Aber seine glücklosen militärischen Abenteuer in Frankreich verschlangen immer mehr Geld, und schließlich hat er die Engländer ebenso gnadenlos ausgeplündert wie Richard vor ihm – womöglich gar schlimmer. Und seine zunehmende psychische Labilität machte ihn immer unberechenbarer und grausamer. Schließlich hat der englische Adel gegen ihn rebelliert, und das bringt uns zu Johns größter Errungenschaft, die ironischerweise eine unfreiwillige war: Die Magna Carta, die die aufständischen Barone ihm 1215 abgerungen haben, war der Grundstein von Rechtsstaatlichkeit und Parlamentarismus.

Ein wichtiger Part in die TEUFELSKRONE ist die Unterzeichnung der Magna Carta, die von John Ohneland im Jahr 1215 zu Runnymede besiegelte Vereinbarung mit dem revoltierenden englischen Adel. Sie haben nun so viel Zeit mit König John verbracht, was bewegt Sie an dieser politischen Entscheidung am meisten?

Aus Johns Perspektive war es vielleicht der schlimmste Tag seines Lebens, denn die Carta beschnitt seine Herrschaftsrechte und unterstellte ihn sogar der Kontrolle der Barone – eine fürchterliche Demütigung für den gescheiterten König. Trotz allem, was er verbrochen hat, schaffe ich es nie so ganz, bei dieser Vorstellung kein Mitgefühl für ihn zu empfinden. Aber viel mehr noch bewegt mich die Größe dieses Ereignisses. Der 15. Juni 1215 war einer von diesen Tagen in der Geschichte der Menschheit, wo nachher nichts mehr so war wie vorher. Obwohl der Papst die Carta schon wenige Wochen später für ungültig erklärt hat, war die Vorstellung einfach nicht mehr aus der Welt zu schaffen, dass auch ein König sich dem Gesetz unterwerfen muss und nicht willkürlich und unkontrolliert herrschen darf. Ein Meilenstein in der Entwicklung unserer Zivilisation und politischen Kultur.

In der British Library ist die Magna Carta ausgestellt. Wie war das Gefühl, als Sie zum ersten Mal diesem Original aus dem 13. Jahrhundert gegenüberstanden?

Ich glaube, „Ehrfurcht“ trifft es am besten.

Bei Richard Löwenherz denken viele auch an Robin Hood, in Ihrem Roman sucht man einen Robin-Hood-Bezug aber vergebens. Warum ist das so?

Mit Robin Hood verhält es sich leider genau wie mit König Artus: Er ist eine wunderbare Figur, aber es gibt nicht einen einzigen Beweis, dass er je existiert hat. Und die fiktiven Figuren in meinen Romanen erfinde ich doch lieber selbst. Außerdem: Wo es einen Waringham gibt, sind weitere Beschützer der Armen, Witwen und Waisen sowieso vollkommen überflüssig …

Sie behandeln im neuen Roman 20 Jahre Erzählzeit, das ist viel Stoff, wie sind Sie da vorgegangen, um beim Schreiben die Fäden in der Hand zu behalten?

Das ist gar nicht so schwierig, weil die historischen Ereignisse den Rahmen bilden, an welchem die Romanhandlung sich entlangrankt. Bevor ich zu schreiben beginne, lege ich diesen Rahmen fest und entscheide, welche historischen Ereignisse ich aus welcher Perspektive erzählen will. Dann plane ich, wie die Biographie meiner erfundenen Protagonisten sich entlang dieser Historie entwickelt, und damit steht das Gerüst meiner Romanhandlung. Und natürlich habe ich so meine Tricks, um den Überblick über die erzählte Zeit und das Personal des Romans zu behalten: Zum Beispiel eine Tabelle, die mir zeigt, wer wann wie alt ist. Oder ausführliche Dossiers über jede wichtige Figur mit Biographie, Charakterisierung und äußerem Erscheinungsbild, damit sich nicht auf Seite 378 plötzlich die Augenfarbe des besten Freundes des Protagonisten ändert.

Welche Epoche der englischen Geschichte ist Ihnen als Schriftstellerin die liebste und warum?

Das 14. Jahrhundert. Es hatte mehr Glanz (den Höhepunkt der höfischen Kultur und des Rittertums) und mehr Elend (den Hundertjährigen Krieg und den Schwarzen Tod, der etwa die Hälfte der Bevölkerung Europas auslöschte) als jede andere Zeit, und dieses Spannungsfeld ist ein idealer Nährboden für einen Roman. König Edward III. und sein Sohn John of Gaunt, Duke of Lancaster, waren die prägenden politischen Akteure dieses Jahrhunderts und sind meine historischen Lieblinge. Obendrein war England in dieser Epoche verblüffend tolerant. Man konnte Dinge sagen und veröffentlichen, für die man hundert Jahre später eingesperrt oder sogar hingerichtet wurde. Und es war eine kulturelle Blütezeit, die Geoffrey Chaucer, den ersten großen englischen Dichter hervorgebracht hat. Besser geht’s einfach nicht.

Hätten Sie selbst gerne im Mittelalter gelebt?

Auf keinen Fall, als Frau schon mal gar nicht.

Gibt es eine reale Vorlage für das Waringham-Anwesen?

Nein, aber der Bergfried entspricht der typischen Burgenbauarchitektur seiner Entstehungszeit im 12. Jahrhundert. Wenn man sich also zum Beispiel Bilder von Rochester Castle anschaut, bekommt man einen Eindruck, wie Waringham Castle ausgesehen haben könnte.

Das Gestüt der Waringhams kommt zum ersten Mal in Ihren Romanen nicht vor. Wie kommt das?

TEUFELSKRONE behandelt die Jahre 1193 bis 1216. Das Gestüt wurde aber erst in den 1330er Jahren von Gervais of Waringham begründet. Das Gelände, wo er die Stallungen angelegt hat, ist zur Zeit von TEUFELSKRONE noch eine wilde Heidelandschaft und für Yvain von besonderer Bedeutung. Also bereits ein magischer Ort, wenn auch in anderer Hinsicht als später.

Vielen Dank für das Interview an Bastei Lübbe!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.