Rezension zu „Die Sehnsucht des Vorlesers“ von Jean-Paul Didierlaurent

Sehnsucht-des-VorlesersAls Buchbloggerin (Kerstin Scheuers Buchblog) bekommt man von Verlagen und Autoren ab und an unaufgefordert Bücher zur Rezension zu geschickt. Ich habe dazu ein gespaltenes Verhältnis: einerseits ist es natürlich eine Bestätigung für die Qualität meines Blogs. Andererseits suche ich mir meine Lektüre aber lieber selbst aus. Als mir der DTV Verlag im Oktober 2015 „Die Sehnsucht des Vorlesers“ zuschickte, verschwand das Buch daher erst einmal wenig beachtet im Regal. Ich vermutete einen kitschigen Liebesroman – ein Genre, mit dem ich nur wenig anfangen kann. Eigentlich wollte ich es nur kurz anlesen, um entscheiden zu können, ob ich es überhaupt behalten wollte, als ich es im Weihnachtsurlaub wieder hervorholte. Schon nach wenigen Seiten aber hatte mich „Die Sehnsucht des Vorlesers“ vollkommen in seinen Bann gezogen und ehe ich es mich versah, hatte ich das Buch an einem Stück zur Hälfte gelesen. Nicht einmal 36 Stunden später hatte ich es mit einem verträumten und zufriedenen Lächeln im Gesicht beendet.

Worum geht es in “Die Sehnsucht des Vorlesers”?

Der schüchterne Guylain Vignolles lebt ein zurückgezogenes Leben, das sich hauptsächlich zwischen seiner kleinen Wohnung mit einem Goldfisch als einzigem Mitbewohner und seinem wenig geliebten Job als Maschinenführer in einer Papierverwertungsfabrik abspielt. Aber eine Leidenschaft hat Guylain, die ihn mir sehr sympathisch machte: er liebt Bücher. Jeden Morgen liest er auf dem Weg zur Arbeit seinen Mitreisenden im Zug ein paar Seiten vor, die er tags zuvor vor der Zerstörung durch den Riesenschredder in der Fabrik gerettet hat. Eines Morgens findet er zufällig einen USB-Stick im Zug, auf dem das Tagebuch einer jungen Frau gespeichert ist. Guylain ist tief bewegt von ihren Geschichten und beginnt, sie auch den anderen Zugreisenden vorzulesen, die ebenfalls begeistern davon sind. Fortan lassen ihn die Gedanken an die junge Frau lassen ihn nicht mehr los. Guylain muss sie finden. Die Suche beginnt sein Leben grundlegend zu verändern.

Wie fand ich…

…den Einstieg?

Es dauerte ein paar Seiten, bis ich ins das Buch fand. Aus der Ich-Perspektive erzählt Guylain von einem typischen Tagesablauf, der ganz von seiner Arbeit in der Papierverwertungsfabrik bestimmt wird. Dabei bleibt lange Zeit unklar, was genau Guylain überhaupt arbeitet. Er spricht lediglich von einer schrecklichen, zerstörerischen Maschine, der er menschliche Eigenschaften und einen eigenen Wille zuschreibt. So hat der Anfang etwas Fantastisches und wirkt zugleich leicht bedrohlich. Da ich so etwas nicht erwartet hatte, dauerte es ein wenig, bis ich mich in Guylain hineindenken konnte. Aber dieser Anfang weckte auch meine Neugier und ich wollte unbedingt herauszufinden, was genau Guylain eigentlich arbeitet. So konnte ich das Buch von Anfang an nur schwer aus der Hand legen.

…den Handlungsverlauf?

Auch wenn die Suche nach der Unbekannten, die der Klappentext ankündigt, relativ lange auf sich warten lässt, hatte ich großen Spaß mit Guylain und seinen leicht sonderbaren Freunden. Mit ebenso viel klugem Humor wie Herzenswärme erzählt Jean-Paul Didierlaurent von den zum Teil sehr absurden Situationen, in die Guylain meist unfreiwillig gerät. Die großen Dramen des Lebens spielen sich für Guylain bis zum Fund des USB-Sticks jedoch nur am Rand seines eigenen Lebens ab. Die Zuschauerrolle des zurückhaltenden Guylains bringt etwas Ruhe in die vor absurden Ideen wimmelnde Geschichte. Das Ergebnis ist ein herrlich unaufgeregter Plot, der mich sowohl zum Schmunzeln als auch zum Träumen brachte.

…die Charaktere?

„Die Sehnsucht des Vorlesers“ ist voll von liebenswerten Sonderlingen und Außenseitern. Sie alle verbindet eine gewisse Schwermut, mit der sie sich selbst und das Leben im Allgemeinen betrachten. Jean-Paul Didierlaurent beschreibt sie mit so viel Feingefühl und Sympathie, dass ich sie alle sehr schnell ins Herz geschlossen hatte.

Besonders gut gefiel mir der dichtende Schrankenwärter, der ständig eines der großen Dramen der Weltliteratur liest und Guylain dessen Mittagspausen mit einer privaten Darbietung seiner Bühnenqualitäten verkürzt. Dass er auch gegenüber den eher grobschlächtigen LKW-Fahrern, die der Papierverwertungsfabrik ausgemusterte Bücher liefern, nur in Reimen spricht – sehr zu deren Verärgerung, wie man sich denken kann-, amüsierte mich prächtig.

…den Schluss?

Der Schluss ist wunderbar romantisch und dabei fast gänzlich kitschfrei. Jean-Paul Didierlaurent gelingt die seltene Kunst, das sehr gefühlvolle Ende so erzählen, dass es absolut authentisch wirkt. Obwohl ich eigentlich keine große Liebesroman-Leserin bin, ließ mich dieses Buch sehr bewegt zurück. Was in „Die Sehnsucht des Vorlesers“ erzählt wird, ist leidlich eine wage Idee. Eine Möglichkeit, die sich gerade erst ergibt. Ein erster zarter Beginn von etwas, dass einmal etwas Großes werden könnte. Mit nicht mehr als dieser leisen Ahnung lässt Jean-Paul Didierlaurent den Leser zurück. Dass an diesem Punkt noch alles möglich erscheint, machte für mich den besonderen Zauber des Schlusses aus.

…die Sprache?

„Die Sehnsucht des Vorlesers“ lässt sich flüssig lesen. Jean-Paul Didierlaurent verwendet eine leicht verständliche Sprache. In seinen Worten liegt dabei eine zarte Poesie und eine Hauch jenes fantastischen Zaubers, der so typisch für französische Bücher dieses Genre ist und das Lesen für mich zu einem wahren Genuss werden ließ.

Wie gefiel mir “Die Sehnsucht des Vorlesers” insgesamt?

Mit seinem Debüt „Die Sehnsucht des Vorlesers“ gelingt Jean-Paul Didierlaurent eine angenehm kitschfreie, zarte Liebesgeschichte, die mich vor allem durch ihren klugen, erfrischenden Humor und die charmant-sonderbaren Charaktere begeisterte. Die zart melancholisch-poetische Grundstimmung und der kluge Humor verleihen der Geschichte einen gewissen fantastischen Zauber, der mich schon nach wenigen Seiten gleichermaßen zum Schmunzeln und Träumen brachte. Einmal begonnen, fiel es mir schwer mich dem ganz besonderen französischen Charme des Romans zu entziehen. Die erste Hälfte des Buchs las ich mehr oder weniger an einem Stück. Nicht einmal 36 Stunden, nachdem ich „Die Sehnsucht des Vorlesers“ begonnen hatte, war ich auch schon mitten im wunderbar romantischen Schluss, der mich mild bewegte. Geschickt lässt Jean-Paul Didierlaurent die Geschichte an einem Punkt enden, an dem noch alles möglich erscheint. So lädt das Ende den Leser zum Träumen ein und klang bei mir, auch nachdem ich das Buch beendet hatte, noch nach.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.