Interview mit Katryn Berlinger zu “Das Schokoladenmädchen”


Coverfoto Das Schokoladenmädchen„Schokolade ist ein Stück zum Glück“ – Ein Gespräch mit Katryn Berlinger über den Genuss von Schokolade, die Schönheit der lettischen Hauptstadt Riga und ihren Roman “Das Schokoladenmädchen“.

Katryn Berlinger arbeitete lange Zeit als Direktionsassistentin, entschied sich dann aber für ein Studium der Literaturwissenschaften und Systematischen Musikwissenschaft. Nach ihrem Abschluss war sie in einem Hamburger Schallplattenunternehmen erfolgreich tätig. Für einige Jahre tauschte sie dann den Beruf gegen die Familie ein. Heute lebt und arbeitet die Autorin in Norddeutschland.

Wenn man “Das Schokoladenmädchen” liest, merkt man sofort, dass Sie sich ausführlich mit dem Thema Schokolade befasst haben. Was bedeutet Schokolade für Sie?

Weißt du, das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man bekommt‘, sagt Inessa im Roman zu Madelaine. Und weil das so ist, greife ich zu. Mir hilft Schokolade beim Schreiben: zur Inspiration, als Energieschub-Quelle und Belohnung. Wir alle wissen doch: Schokolade ist ein Stück zum Glück. Sie ist Schmelz und Kreation, Liebe und Rausch – und wir sind ihr verfallen. Ob wir nun Montezuma heißen, Casanova oder Madelaine Elisabeth Gürtler, wie das Schokoladenmädchen in meinem Roman. Schokolade versüßt das Leben, und manchmal gibt es einfach nichts Besseres.

Was hat Sie zu Madelaines Geschichte inspiriert?

Zu ersten Gedanken über die Geschichte hat mich das Bildnis ,La Belle Chocolatière‘ von Jean-Étienne Liotard (1702 – 1789) inspiriert, das in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister ausgestellt ist. Viele Male habe ich vor dem schattenlosen Pastellbild gestanden und mir gewünscht, ich könnte dem so still und andächtig ausharrenden Mädchen das mit einer Tasse Schokolade und einem Wasserglas beschwerte Tablett aus den Händen nehmen, um mich mit ihr zu unterhalten. Bald erwuchs aus dieser Vorstellung die Frage, wie sich wohl eine Frau mit großem Talent um die Jahrhundertwende hätte behaupten können. Konfrontiert mit starken sozialen Spannungen, der Flut technischer Erfindungen und den politischen Umwälzungen hätte sie viel Kraft und gutes Geschick für ihre individuelle Selbstverwirklichung beweisen müssen. Wenn aber der Druck unerträglich wird und nicht nur ihr Talent, sondern auch ihre Liebe zu ersticken droht, darf frau dann ihrem Herzen nachgehen? Wie viele Wege führen zum wahren Glück? Manchmal schlingern wir auf steinigen Pfaden durch unser Leben – und stehen plötzlich doch im Licht.

Wieso haben Sie Riga als Schauplatz für Ihren Roman gewählt?katryn-berlinger

Viele meiner Romane spielen an der Ostsee. Auf meiner inneren Reise wanderte ich Richtung Baltikum und gelangte schließlich nach Riga. Die reiche Handelsstadt mit ihrer stolzen Pracht symbolisierte Ende des 19. Jahrhunderts das kluge und engagierte bürgerliche Denken. Trotzdem erreichte der wirtschaftliche Aufschwung nicht alle, was die sozialen Spannungen verstärkte: Rigas Schönheit, dem kosmopolitischen Geist, Reichtum und Macht standen das jahrhundertelange Leiden des unterdrückten lettischen Volkes und die Gefährdung des errungenen Fortschritts durch die befohlene Russifizierung gegenüber. Die wechselvolle Geschichte der Stadt finde ich ungemein spannend. Als ich dann in einer auf das Baltikum spezialisierten Bibliothek den Hinweis fand, dass es in Riga eine lange Tradition der Schokoladenherstellung gab, war mir klar: Genau dort muss meine Romanheldin ihre Erfolge feiern! Rasch kristallisierte sich der Sommer 1901 als perfekter Zeitrahmen für meine Geschichte heraus, denn ab 23. Juni 1901 feierte Riga sein 700-jähriges Bestehen mit einer umfangreichen Industrie- und Gewerbeausstellung.

Was hat es mit den lettischen Volksliedern, die im Roman häufig vorkommen, auf sich?
Bis ins 16. Jahrhundert hinein war das Gebiet des heutigen Lettlands Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Doch trotz der deutschen Herrschaft erhielten die Letten ihre Traditionen, ihre Sehnsüchte und ihr Volksgut in Liedern – den sogenannten Dainas – bis heute aufrecht. Viele dieser Lieder werden zur Sommersonnenwende – in der Johannisnacht – gesungen und beschreiben u.a. uralte Fruchtbarkeitsrituale. Deshalb hat dieses Fest mit seinem magischen Zauber auch eine besondere Bedeutung für meine Romanheldin. Die Dainas, die im Roman zitiert werden, sind ebenso original (die deutsche Übersetzung stammt aus dem Jahr 1918) wie die lettischen Namen der Götter, Kräuter und Blumen.

Wenn Sie einen Tag in Madelaines Leben leben könnten, welchen Tag würden Sie sich aussuchen?

Ein zauberhafter Junimorgen nach dem Johannisfest in der Rigaer Bucht bei Jurmala. Über die glatte Ostsee spannen sich rosige Nebelschleier. Es ist still und friedlich, ganz so als ob die Ewigkeit atmen würde. Auf der Leine eines Strandgrundstücks trocknet das frisch gewaschene Kostüm des Schokoladenmädchens. Madelaine putzt Erdbeeren, setzt einen Kessel mit Wasser, Salz und Dill für die fangfrischen Krebse auf. Sie will diesen freien Tag für sich allein genießen, und ahnt nicht, dass so früh bereits ein Spaziergänger mit Hund am Strand unterwegs ist. Noch glimmen die Johannisfeuer am Strand, noch klingen die Lieder der Frauen nach, noch duften die Blumenkränze, die die Kraft guter Geister beschwören. Magie liegt in der Luft … Nur noch wenige Minuten, dann wird sich für Madelaine alles ändern, getreu ihrem Lebensmotto: ,Der Zauber von Schönheit, Wahrheit und Süße ist immer stärker als das Böse, das Feuer und der Sturm.‘ So beginnt die große Liebe, aber wird sie allen bevorstehenden Widrigkeiten zum Trotz standhalten?

Wie entstehen Ihre Figuren? Woher nehmen Sie die Ideen für die unterschiedlichen Charaktere?
Zunächst ist es, als würde ich die zarten Signale meiner Figuren empfangen: vom Zwischendeck eines Frachtdampfers, nach einer winterlichen Sturmflut an der Ostsee, von kargen Weinbergen in der Champagne oder aus lichtdurchfluteten Olivenhainen. Diesen ersten aufblitzenden Signalen folgen in meiner Fantasie leise Stimmen und starke Gefühle, die vor meinem inneren Auge eine Fülle von Bildern evozieren. Und doch fallen einem die Geschichten nicht einfach so zu – sie erwachsen aus einem komplizierten Prozess des Lauschens in die Welt, in die Menschen und in sich selbst hinein.

Wie schwer fällt es Ihnen, sich am Ende einer Geschichte von den Figuren zu verabschieden?

Es sind nicht nur die einzelnen Figuren, sondern es sind ihre Geschichte und ihre Gefühlswelt, die nach Abschluss eines Manuskriptes noch lange in mir nachklingen. In jedem Roman steckt so viel Energie und Hingabe, dass in meinem Inneren die Bilder und Figuren weiterleben. Im Laufe der Zeit verblasst dieses oder jenes, aber die Figuren bleiben vertraute Freunde. Ich erinnere mich immer daran, wie es war, als ich sie ins Leben brachte. So ist es nur natürlich, dass die neu erschaffene, fiktive Welt und ihre Figuren fortbestehen, für den, der sie schuf, und für diejenigen, die sich von ihnen berühren lassen.

Welche süße Sünde führt Sie immer wieder in Versuchung?

Cassis-Trüffel, Champagnercreme-Torte, Erdbeer- und Nougat-Pralinen … Eigentlich all das, was mir beim Schreiben über Madelaines Talent in den Sinn kam. Praktisch beherrsche ich selbst handgeschlagene Mousse au Chocolat – höhere handwerkliche Feinheiten überlasse ich den Profis. Dafür aber genieße ich. Sie kennen es doch, oder? Schnell schieben wir uns ein Stück Schokolade zwischen die Lippen und drücken es an den Gaumen. Wir schmecken Kakao, einen leichten Hauch Bitterkeit, eine kaum spürbare Säure, berauschen uns an der Süße des Zuckers, verspüren eine Spur Herbheit, kosten Aromen von Ananas, Banane, Vanille, Zimt …

Was denken Sie, wie sollte man Schokolade am besten verzehren?
Vielleicht sollten wir sie wieder einmal so genießen wie die Herrschaften, die Liotards „Schokoladenmädchen“ bediente: mit einer Tasse Kaffee, einem Glas Cognac – oder, wie die wahren Connaisseurs, mit einem Glas Wasser.

Das Interview mit Katryn Berlinger führte Sonja Korte, Lektorin bei dotbooks, www.dotbooks.de. Den Roman “Das Schokoladenmädchen” gibt es hier bei uns im Shop.

Ein Gedanke zu “Interview mit Katryn Berlinger zu “Das Schokoladenmädchen”

  • 16. September 2018 um 14:57
    Permalink

    Ich lese im Moment “Das Schokoladenmädchen” und mit grosser Verwunderung muss ich fest-
    stellen, dass im meinem Buch immer von einem Urs Sprüngli (in der Schweiz tatsächlich mit
    Schockolade in Verbindung zu bringen) und nicht von einem Urs Martieli die Rede ist. Kann mir das
    jemand erklären ?

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