Interview mit Nina Stibbe zu “Ein Mann fürs Haus”

Nina-Stibbe_Ein-Mann-Fuers-HausNina Stibbe ging als Teenager von Leicestershire nach London, arbeitete dort zwei Jahre als Nanny und studierte anschließend Geisteswissenschaften. 1990 begann sie ihre Verlagskarriere und wurde Lektorin bei Routledge. 2002 zog sie mit ihrem Lebensgefährten und ihren Kindern nach Cornwall, wo sie heute lebt, schreibt, schwimmt und Brot backt.

In ihrem neuen Roman “Ein Mann fürs Haus” macht sich die neunjährige Lizzie Vogel so ihre Gedanken. Vor allem über ihre frisch geschiedene Mutter, die es mit 31 Jahren, drei kleinen Kindern und einem Labrador von London in die englische Provinz verschlagen hat. Im Leicestershire der Siebzigerjahre gibt es nichts Schlimmeres, als ohne Mann im Haus dazustehen.  Also machen sich Lizzie und ihre Schwester auf die Suche nach einem neuen Gatten für ihre Mutter.

Im Sommer 1983 haben Sie in einem Brief an Ihre Schwester geschrieben: „Arbeite immer noch an meinem halb autobiographischen Roman“. Hatten Sie damals, als Au-pair in London, tatsächlich schon mit “Ein Mann fürs Haus” begonnen? Können Sie uns erzählen, wie der Roman entstanden ist?

Ich habe den Roman angefangen, als ich auf dem College war. Also gar nicht so viel später, als ich in dem Brief behauptet habe. Ich hatte ein Schreibseminar für „Autobiographie und Fiktion“ belegt, in dem wir ermuntert wurden, uns autobiographisch zu betätigen. Das gefiel zwar nicht allen, aber ich fand es toll.

Was war für Sie die größte Herausforderung beim Verfassen dieses Romans?Nina-Stibbe

Eine der Herausforderungen bestand darin, der Versuchung zu widerstehen, die Figuren entweder als komplett gut oder komplett böse zu schildern, um die Geschichte zu vereinfachen. Ich hoffe, das ist mir gelungen. Es ist mir sehr wichtig, dass niemand einseitig gezeichnet ist.

Wie stark haben Sie bei der Schilderung der Charaktere, des Dörfchens Flagstone und der Ereignisse in dem Roman auf eigene Erfahrungen zurückgegriffen? Haben Sie die Geschichte von dem Treppen steigenden Pony, das aus dem Fenster im oberen Stock schaut, tatsächlich erlebt? Und vor allem: Wie sind Sie auf die Männer-Liste gekommen?

Mir graut vor kleinen Dorfgemeinschaften, seit ich mit einer unorthodoxen Mutter und einer chaotischen Familie in so einer Umgebung gewohnt habe. Als Teenager ging ich dann nach London und habe dort das Gefühl der Anonymität ungeheuer genossen. Außerdem hatte ich den Eindruck, hier würde jeder so akzeptiert – oder zumindest toleriert –, wie er war. Das war großartig.

Was das Pony betrifft: Maxwell gab es tatsächlich. Es war das exzentrischste Pony aller Zeiten. Ich hatte ihn fast acht Jahre lang. In den ersten paar Jahren hatte ich eine höllische Angst vor ihm, später habe ich ihn geliebt. Ich habe mich seinetwegen oft in Grund und Boden geschämt, weil er so verrückte Sachen angestellt hat. Einmal ist er auf einem Tennisplatz Amok gelaufen, ein andermal hat er grundlos auf ein Auto eingetreten. Aber er war einfach wunderbar. Ich habe meiner Mutter erlaubt, ihn zu verkaufen, weil ich dachte, er würde ein komisches Licht auf mich werfen. Ich war vierzehn. Eines Tages kam ich nach Hause und er war weg. Wie besprochen. Und ich war am Boden zerstört.

Zur Männer-Liste: Als Kind einer geschiedenen Mutter in den 70er-Jahren habe ich jeden Mann, dem wir begegnet sind – ob verheiratet oder ledig, jung oder alt – daraufhin angesehen, ob er als möglicher Verehrer meiner Mutter taugen könnte. So entstand die Männer-Liste im Buch. Scheidungen waren damals unüblich, und die Leute fanden Familien ohne männliches Oberhaupt einfach seltsam. Man hat uns misstrauisch beäugt und nie recht über den Weg getraut. Ich habe mich danach gesehnt, den anderen Kindern gleichgestellt zu sein und dachte, wenn meine Mutter wieder heiraten würde, würde das auch automatisch passieren.

Hat irgendjemand aus Ihrer Familie “Ein Mann fürs Haus” gelesen? Wenn ja, wie haben sie reagiert?

Ich habe den Roman meiner Mutter gegeben, bevor ich ihn an meinen englischen Verlag geschickt habe. Ich wollte sichergehen, dass die Handlung für sie okay war – sowohl was die fiktiven Passagen anging als auch die Elemente, die sie wiedererkennen würde. Manche Leser werden annehmen, dass die Mutter in dem Buch tatsächlich meine Mutter ist, und auch wenn das nicht hundertprozentig zutrifft, wollte ich, dass sie damit umgehen konnte. Sie hat sich dann bei der Lektüre totgelacht, worüber ich sehr erleichtert war. Meine Schwester hat den Roman ebenfalls komplett gelesen. Sie hat mich in dieser Zeit nach jedem Kapitel angerufen, um mit mir darüber zu reden. Aber so, wie man sich eben über einen Roman austauscht, der einem richtig gut gefällt.

Welche Bücher und Autoren haben Sie beeinflusst? Und warum?

In der kritischen Phase habe ich Romane gelesen, die (zumindest scheinbar) unkompliziert und mit einer quasi natürlichen Stimme geschrieben waren: Sue Townsends „Das Intimleben des Adrian Mole, 13 3/4 Jahre“. Wie zahllose Leser haben mich die Sorgen und Nöte im Leben dieses völlig unscheinbaren Teenagers gefesselt. Das Buch hat gezeigt, dass eine vertraute Stimme und zügiges Erzählen eine Handlung wunderbar transportieren können, ohne dass man die ganz großen Themen des Lebens behandeln muss.

Was mir an “Ein Mann fürs Haus” ganz besonders gefallen hat, sind Ihre Dialoge. Ob nun in Unterhaltungen zwischen den Figuren, in den Auszügen aus Elizabeths Minidramen oder in Lizzies Berichten, was Dritte gesagt haben, überall zeigt sich Ihr feines Ohr dafür, wie die Leute wirklich reden und welches komische Potential sich daraus ergibt.

Ich bin ein großer Fan von Dialogen, aber es ist nicht ganz einfach, sie perfekt hinzubekommen. Ich spreche mir alles laut vor, als würde ich auf einer Bühne stehen. Wenn es nicht echt klingt, schreibe ich es um.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus? Gibt es bestimmte Routineabläufe oder Rituale, die Ihnen beim Schreiben helfen?

Ganz früh morgens, noch bevor ich überhaupt die Augen aufmache, habe ich die besten Ideen. Dann tippe ich meine Gedanken in mein Smartphone, während ich eigentlich den Kindern Frühstück machen sollte. Spaziergänge mit dem Hund sind auch gut, entweder im Wald oder am Strand in der Nähe unseres Hauses. Generell gilt: Je früher am Tag, desto besser klappt es mit dem kreativen Denken. Leider. Trotzdem kann ich letztlich überall und zu jeder Zeit schreiben, deswegen habe ich auch zahllose Notizbücher und festgehaltene Ideen auf meinem Handy.

Es gibt in Ihrem Buch so viele großartige Familienszenen. Man kann zusehen, wie sich die Familiengeschichte der Vogels entwickelt und sich vorstellen, welche Geschichten Lizzie und ihre Geschwister später, wenn sie groß sind, erzählen werden. Haben Sie Lieblingsgeschichten aus ihrer eigenen Familienhistorie?

Ja, Hunderte. Wir waren vier Geschwister, alle jeweils ein Jahr auseinander, und wir haben allen möglichen Blödsinn angestellt. Wir hatten eine grenzenlose Phantasie, und in meiner Kindheit war es viel einfacher, große Abenteuer zu erleben. Die meisten Geschichten drehen sich um irgendetwas, das wir angestellt haben.

Haben Sie auch Lieblingsfilme, die sie gemeinsam mit Ihrer Familie angesehen haben?

Wir waren große Fans des Fernsehens, vor allem von Melodramen und Sitcoms. Außerdem liefen auf BBC jede Freitagnacht Horrorfilme, meistens aus den Hammer-Studios. Da gab es fast immer irgendeinen Draculaschinken, manchmal auch etwas mit Frankenstein. Wir haben uns zu Tode gegruselt. Heute kann ich mir gar keine Horrorfilme mehr ansehen.

Haben Sie irgendwelche Ratschläge für angehende Schriftsteller?

Schreibt einfach immer weiter. Führt Tagebuch und zwar jeden Tag. Schreibt Notizen, kurze Dialogfetzen, haltet Erinnerungen fest und Ideen, die scheinbar aus dem Nichts kommen. Und vergesst nicht: Ich bekam meinen ersten Buchvertrag im Alter von fünfzig Jahren.

Den neuen Roman von Autorin Nina Stibba finden Sie wie gewohnt hier bei uns im Shop.

© Little, Brown Book Group, 2015

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