Interview mit Regula Venske über Krimis, die Schriftstellerei und ihren unvergleichbaren Humor

PrintRegula Venske lebt als freie Autorin in Hamburg und ist eine bekannte Größe im Bereich der Regionalkrimis. Umso mehr freuen wir uns, dass wir aktuell ihren neuen Titel Ein allzu leichter Tod zuerst bei uns im Shop anbieten können! Höchste Zeit also, ein Interview mit der Autorin über ihre Leidenschaft für Krimis und die Schriftstellerei zu führen. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!

Liebe Regula Venske, zu Beginn eine Frage, die sich mir immer wieder stellt: Sie gehen in vielen Titeln mit Kirche und Konfession ins Gericht, bezeichnen sich selbst aber gleichzeitig als: „heimliche Kirchgängerin“ – wie passt das zusammen?

Nach Jahren der Abstinenz bin ich inzwischen sogar wieder in die Kirche eingetreten. Sagen wir so: Ich nehme für mich das Recht in Anspruch, widersprüchlich zu sein – ein Recht, das ich auch allen anderen zugestehe. Unsere Widersprüche machen uns doch überhaupt erst interessant – man könnte auch sagen: machen uns überhaupt erst zu Menschen.

Sie haben nun schon eine ganze Reihe an Titeln geschrieben – sowohl Romane als auch kürzere Formen. Haben Sie ein ganz persönliches Lieblingsprojekt

Mein Lieblingsprojekt ist immer das Buch, das ich als nächstes schreibe. Schreiben bereitet mir insgesamt Lust, das ist nicht ans Format gebunden. Beim Wiederlesen, z. B. jetzt, wenn ich die Dateien für die E-Bücher Korrektur lese, bin ich manchmal selbst verblüfft über meine eigenen Einfälle. Im Laufe der Zeit vergisst man vieles wieder. Und man vergisst auch den Schweiß und die viele Arbeit, die darin stecken. Dann kommt es mir bisweilen so vor, als hätten sich die Bücher quasi nebenbei und wie von selbst geschrieben. Schön wär’s …

Was reizt Sie besonders an der Form des Kurzkrimis?

Bei Auftragsarbeiten reizt mich immer das Geld … – Aber Spaß beiseite: Die Form der längeren Kriminalerzählung, das Novellenformat, schätze ich außerordentlich. Man hat mehr Raum und kann mehr entwickeln als in einer Kurzgeschichte, aber sich gleichzeitig doch auf das Wesentliche beschränken. Ein Roman ist ein Marathonlauf, bei dem es manche Durststrecke durchzuhalten gilt, demgegenüber gleicht der sogenannte Kurzkrimi einer entspannten Wanderung in den Bergen mit freiem Blick aufs Meer.

In ihrem Kurzkrimi “Todesschüsse in St. Georg” muss eine Krimi-Schriftstellerin kurz nach einer Lesung dran glauben. Ihre Kollegen beginnen daraufhin, fleißig zu ermitteln. Was meinen Sie, ist es ein heimlicher Traum von Krimiautoren, einmal einen wahren Fall aufzudecken?

Wenn ich gerne Fälle aufklären würde, wäre ich zur Polizei gegangen. Es geht mir rein um die Lust am Schreiben, ums Fabulieren, ums Worte- und Seemannsgarnspinnen: ‚Ich spinne mir Hamburg verrückt, schillernd und schräg‘, habe ich einmal geschrieben. Wie alle anderen Menschen auch – das unterstelle ich einmal – bin ich froh, wenn ich in der Realität nichts mit Mord und Totschlag zu tun bekomme und sich mein Kontakt mit der Polizei allenfalls auf gelegentliche Knöllchen für falsches Parken beschränkt. Leider werden uns Krimiautoren gegenüber Realität und Fiktion oft vermischt, deshalb kann ich nicht oft genug sagen: Mord ist weder mein Hobby noch mein Beruf. Mein Beruf ist das Schreiben.

Schreiben ist auch der Beruf einer Figur, die in vielen Ihrer Kriminalromane auftaucht: die Schriftstellerin Marthe … blitzt da etwa ein kleiner Teil von Regula Venske selbst hervor?

An allen möglichen Ecken und Enden blitzt ein wenig Regula Venske hervor, bei Marthe nicht mehr als bei anderen Figuren. Und mehr noch als bei den Figuren auch im Witz oder der Schreibweise. Viele denken, Marthe sei mein Alter Ego, aber das ist ein Missverständnis. Am Anfang war sie gar keine richtige Figur, sondern nur eine Krimiautorin, die einmal durchs Bild huschte, so wie Hitchcock in seinen Filmen. Da ich mich in meiner Trilogie ‚Schief gewickelt‘, ‚Kommt ein Mann die Treppe rauf‘ und ‚Rent A Russian‘ über die Neurosen aller möglichen anderen Leute lustig machte, fand ich es nur gerecht, auch den eigenen Berufsstand etwas auf die Schippe zu nehmen. Inzwischen hat sich Marthe weiter entwickelt und in gewisser Weise auch emanzipiert. Mich amüsiert, dass sie als Krimiautorin so gern einmal selbst einen Fall aufklären möchte. Aber leider kommt sie immer etwas zu spät oder liegt leicht schief mit ihren Vermutungen.

Wo wir gerade von „Witz“ sprechen: Sie sind für Ihren trockenen, schwarzen Humor bekannt. Pflegen Sie den auch privat?

Ich glaube, der Sinn für Scherz, Satire, Ironie, (Sprach-)Witz und hoffentlich auch tiefere Bedeutung sind ein Erbteil meines Vaters. Meine Mutter hat unter seiner ironischen Art oft gelitten. Wie sie – und viele andere Kollegen aus der Krimizunft – bin ich privat eher auf Harmonie bedacht und durchaus friedliebend; im Schreiben ist man frecher als in Wirklichkeit. Mag sein, das ist einer der Gründe, warum man überhaupt schreibt.

Wie kommen Sie auf die Idee für einen Kriminalfall – und wie entwickeln Sie ihn?

Die Inspiration kommt von allen möglichen Ecken und Enden, von realen Fällen allerdings eher weniger. Die Recherche-Arbeit besteht oft mehr darin zu gucken, wie ich meine Ideen dann halbwegs realistisch umsetzen oder verankern kann. Bei EIN ALLZU LEICHTER TOD zum Beispiel dachte ich, dass Viagra mir als ‚Waffe‘ gut ins Konzept passen könnte. Joachim Michaelis ist ja ein alter Mann – und eine Figur, die mir beim Schreiben sehr ans Herz gewachsen war. Er stirbt zwar früh im Roman, aber wir lernen ihn ja durch das Tagebuch seiner Enkeltochter Inga ganz gut kennen und auch ein wenig lieben, hoffe ich. Es tat mir leid, dass er in meiner Geschichte sterben muss, deshalb dachte ich, ich könnte ihm vor seinem erzwungenen Tod noch etwas Gutes gönnen. Also habe ich die Gerichtsmedizinerin meines Vertrauens nach der nötigen tödlichen Dosierung von Viagra gefragt und auch nach möglichen Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, zum Beispiel bei einer Herzerkrankung.

Zur Autorin:
Regula Venske wurde 1955 in Minden geboren und wuchs in Münster auf. 1987 promovierte sie mit einer Studie über „Mannsbilder – Männerbilder. Konstruktion und Kritik des Männlichen in zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur von Frauen“ zum Doktor der Philosophie. Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie u. a. mit dem Oldenburger Jugendbuchpreis, dem Deutschen Krimipreis und dem Lessing-Stipendium des Hamburger Senats ausgezeichnet, ihr Kurzgeschichtenband “Herzschlag auf Maiglöckchensauce” wurde für den Frauenkrimipreis der Stadt Wiesbaden nominiert. Regula Venske lebt als freie Autorin in Hamburg und ist Mitglied im Autorenverband deutschsprachiger Kriminalschriftsteller SYNDIKAT (www.das-syndikat.com) und im PEN (www.pen-deutschland.de), dessen Generalsekretärin sie seit Mai 2013 ist.

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