Interview mit Thomas Friess zu “Wer nichts zu verbergen hat, kann dennoch alles verlieren”

Coverfoto-Thomas-Friess-mit-CTADer Geschäftsführer der Österreichen Gelben Seiten hat mit “Wer nichts zu verbergen hat, kann dennoch alles verlieren” einen mehr als beängstigend pessimistischen NSA-Roman veröffentlicht, in dem es um Geheimdienste, Verschwörungen, abstruse Machenschaften und das Leben in einem Überwachungsstaat geht.

Ertu, der Held des Buches, ist ein freier und anerkannter Journalist. Er will einfach nur einen guten Artikel zur NSA schreiben. Was zunächst wie eine spannende Routinerecherche aussieht, wächst sich jedoch zu einer existenzbedrohenden Situation aus. In einem für ihn nicht mehr zu kontrollierenden Strudel aus Manipulationen und Rufschädigungen droht er am Ende alles zu verlieren – auch sein Leben. Ein Szenario, dass der Autor für gar nicht so unwahrscheinlich hält!

 

Panama Papers, der kommende Snowden Film, ständige Meldungen von Attentaten und die Kampagne der deutschen Bundeswehr gegen „digitalen Terror“. Die Themen Sicherheitsbedürfnis, Datenleaks und Privatsphäre werfen auch aktuell wieder Fragen und Diskussionen auf. In „Wer nichts zu verbergen hat, kann dennoch alles verlieren…“ greifen Sie diese auf und verstricken die Gefahren und Probleme der Überwachung in eine fesselnde Geschichte. Wie sehen Sie die aktuellen Entwicklungen?

Das Thema bleibt hochaktuell und wird uns in den nächsten Jahren weiter beschäftigen. Der generelle Trend hin zum Verlust der Privatsphäre ist leider derart stark, dass ich sehr pessimistisch bin, dass wir hier zu einer guten Entwicklung umkehren. Das Problem ist eine Kombination aus Ignoranz beim normalen Bürger, der meint ohnehin nichts zu verbergen zu haben, verbunden mit der Tatsache, dass die Datenwelt derart komplex geworden ist, dass der Einzelne längst nicht mehr versteht, wie weit der Verlust der Privatsphäre mittlerweile geht. Leider ist es so, dass Entscheider aus Politik und digitaler Wirtschaft immer Gründe finden, warum sie wieder ein Stück der Privatsphäre nehmen. Wer kann angesichts der Vorfälle in Paris und anderswo schon etwas dagegen haben, wenn Terroristen effizienter gefunden oder schon im Vorfeld von ihrem Tun abgehalten werden? Gleiches gilt für den Komplex Steuerhinterziehung (Schweizer Konten, Panama-Papers). Auch hier sagt sich der Normalbürger: „Gut, dass die Steuerhinterzieher endlich dingfest gemacht werden.“

Dass diese Transparenz ihren Preis hat, den wir alle bezahlen, dringt leider nicht durch.Thomas-Friess

Der Preis ist, dass wir alle immer gläserner werden – mit all unseren Schwächen und Unzulänglichkeiten. Können wir wirklich darauf vertrauen, dass es bei der Terrorismusbekämpfung bleibt? Oder werden die erlangten Informationen über uns nicht doch irgendwann anderweitig verwendet? Können wir angesichts der Erfahrungen der Historie und auch aktuell z.B. in der Türkei, wirklich davon ausgehen, dass die gewonnenen Informationen über uns nicht doch zu unseren Ungunsten verwendet werden? Zu viel Macht korrumpiert. Wer Macht über unsere intimsten Daten hat, kann und wird sie verwenden oder verwenden können. Denken Sie dabei an Themen, wie sexuelle Orientierung, Krankheiten, familiäre Probleme etc. Alles Themen, die keinerlei strafrechtliche Relevanz haben, aber den Einzelnen bei Aufdeckung Karriere und Status kosten können.

Die Frage ist: Wenn in einer Gesellschaft früher oder später jeder davon ausgehen muss, dass alles über ihn bekannt ist, wird der Einzelne dann noch den Mächtigen gegenüber fordernd auftreten und seine Rechte einfordern oder wird er vorsichtiger sein? Wird z.B. der linksliberale Journalist noch glaubwürdig recherchieren können, wenn er ein ererbtes Vermögen zum Schutz seiner Privatsphäre in einer Holding in Liechtenstein angelegt hat (und sogar versteuert hat). Für die Qualität seiner Arbeit ist der Sachverhalt irrelevant, aber wie wahrscheinlich ist es, dass er in unserer schnelllebigen Mediengesellschaft, dann noch glaubwürdig ist? Und welche Karriere kann ein konservativer Abgeordneter noch erwarten, über den seltsame (aber legale) sexuelle Präferenzen bekannt werden?

Wie können diejenigen, die die Mächtigen kontrollieren, im Wissen, dass alles über sie bekannt ist, dann noch ihrer Aufgabe nachkommen?

Demokratie braucht Privatsphäre. Ohne Privatsphäre sind wir mit all unseren Unzulänglichkeiten schutzlos der Mediengesellschaft und den Mächtigen ausgeliefert. Und Privatsphäre hat ihren Preis. Am Ende – und das ist das Beunruhigende – trifft es uns alle. Mit dem Zusammenbruch des Bankgeheimnisses wurden zwar zunächst die großen Steuerhinterzieher erwischt, aber die Kleinen sind als nächstes dran. Der Nachbar, der den Garten mäht und sich etwas zuverdient. Die Putzfrau, die einmal die Woche kommt. Um auch noch die letzte unkontrollierte Bastion zu schleifen ist auch das Bargeld unter Druck. Die Abschaffung des 500 Euro-Scheines betrifft scheinbar nur Wenige. Als nächstes dürfen wir erwarten, dass das Bargeld schrittweise ganz verschwindet. Und das alles unter den Überschriften „Bekämpfung des Terrorismus und der Steuerhinterziehung“.

Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, in der am Ende jeder rechtfertigen muss, warum und auf Basis welcher Grundlage er eine 100 Euro Zahlung von seinem Nachbarn erhalten hat Weit hergeholt? In Italien ist es heute schon so, dass sie keine Bargeldzahlungen über 1000 Euro mehr vornehmen können.

Sie sind seit 10 Jahren Geschäftsführer von Herold, den Gelben Seiten Österreichs, und waren zuvor in der deutschen und US-amerikanischen Finanzbranche tätig. Haben Sie auch persönliche Erfahrungen zur wirtschaftlichen Nutzung und Sammlung von Daten in Ihre Recherche einbezogen? Wie sind Sie generell an Informationen gekommen?

Natürlich habe ich eine berufliche Nähe zu dem Thema. Der ganz überwiegende Teil meiner Recherchen bezieht sich jedoch auf öffentlich zugängliche und verifizierte Quellen. Beschäftigt man sich intensiver mit der Thematik, dann wird erschreckend deutlich, was alles heute schon passiert. Jeder kann dies heute schon nachlesen. Wenige tun es und Wenige interessieren sich dafür, welch erschreckendes Bild die einzelnen Mosaiksteine heute schon ergeben.
Dies war die Motivation für mein Buch. Ich wollte aus heute bekannten Fakten eine Geschichte schreiben, die in spannender Form lesbar gemacht, Menschen vor Augen führt, was heute schon passiert, und damit auch Leser erreichen, die sich für das Thema mangels Kenntnis nur am Rande interessieren.

In Ihrem Roman recherchiert der Journalist Ertu Keser zu einem NSA-Artikel und gerät dadurch ins Fadenkreuz der NSA und BND. Hatten Sie Bedenken, dass es Ihnen ergeht wie Ertu?

Natürlich habe ich den Roman auch aus diesen Gründen fiktional angelegt. Angesichts meiner Recherchen im Internet zu „Terrorismus“, „Geldwäsche“, „NSA“ etc. ist es jedoch – so sind die Überwachungsalgorithmen angelegt – unwahrscheinlich, dass ich nicht in der einen oder anderen Form aufgefallen bin.

Sie schreiben von Computerprogrammen, die mögliche Terroristen aufspüren, von Drohnen, die diese automatisch exekutieren, von Datenbanken, die bis ins Detail unser Privatleben, Finanzen und Geheimnisse erfassen und Vielen mehr, das wir vor Jahren nur aus dystopischen Zukunftsromanen kannten. Wo endet die Fiktion in Ihrem Roman, und wo beginnt bereits die Realität?

Das ist ja das Beängstigende. Alles was dem Helden, Ertu, widerfährt ist heute schon Realität und irgendjemandem schon einmal zugestoßen. Wir reden hier nicht mehr von Fiktion sondern von Dingen, die heute schon da sind.

Die anfangs heile, sichere Gesellschaft und Euphorie des technischen Fortschritts werden nach und nach als korrupter Überwachungsstaat und automatisierte Terrormaschinerie entlarvt. Das erinnert auch in der Erzählstruktur sehr stark an klassische Anti-Utopien und Zukunftsvisionen, wie Fahrenheit 451 von Ray Bradbury. Bei Bradbury kann zwar die Gesellschaft nicht geändert werden, aber die Überlebenden ziehen sich in der Hoffnung auf einen Neubeginn zurück. Wie würde Ihr hoffnungsvoller Neubeginn aussehen?

Ich bin da sehr pessimistisch. Unsere schnelllebige Gesellschaft, die auf kurzfristigen Komfort ausgelegt ist, sehe ich derzeit nicht in der Lage diesen Trend signifikant zu ändern. Alles was wir tun können ist immer wieder auf die Gefahren hinzuweisen und politisch auf Änderungen hinzuwirken. Ich befürchte, dass es noch viele Jahre in die falsche Richtung gehen wird und im besten Falle, wenn auch dem Normalbürger klar geworden ist, dass es keineswegs nur um Terrorismusbekämpfung geht, sondern um ihn, das Pendel wieder eine andere Richtung nehmen kann. Im Moment sind wir davon meilenweit entfernt – und ich wünschte mein Pessimismus wäre unangebracht.

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