Zwei Fragen an Katarzyna Bonda zu “Das Mädchen aus dem Norden”

Nach einem Aufenthalt im Ausland kehrt die Profilerin Sasza Załuska zurück in ihre Heimatstadt Danzig. Sie hat beruflich und privat viel durchgemacht. Eine verdeckte Ermittlung endete in einer Katastrophe. Verbrennungen und das Trauma einer Geiselnahme blieben zurück. Nun soll Schluss sein mit Verbrechen und unstetem Leben. Sasza erhofft sich ein ruhiges Dasein an der Seite ihrer kleinen Tochter. Doch kaum in Danzig angekommen, erhält sie einen lukrativen Auftrag: Der Inhaber eines Musikclubs bittet sie, die Hintergründe von wiederholten Erpressungen und Morddrohungen aufzudecken. Für die Ermittlerin eine vermeintlich einfache Aufgabe. Kurz darauf gibt es einen Anschlag auf den Club, bei dem ein Mensch stirbt. Sasza Załuska beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen. Eine Entscheidung, die sie bald bereut.

 

Was ist das Faszinierende an Ihren Krimis, Frau Bonda?

Man kann meine Bücher Krimis nennen, aber die Krimihandlung ist für mich nicht der wichtigste Aspekt in meinen Büchern.

Ich interessiere mich für die Menschen, ihre Entscheidungen und das Schicksal, das uns manchmal auf unbekanntes Territorium führt, wo wir uns dem Unbekannten oder auch dem Unsichtbaren stellen müssen. Wie in allen Romanen werden Verbrechen, Geheimnisse und Rätsel nicht nur offenbar, wenn Polizei und Ermittler das Leben brutal auf den Kopf stellen. Diese Geheimnisse aber sind die Achse aller Ereignisse und die Spannung, die ich beim Schreiben meiner Bücher aufzubauen versuche. Meine Leser sagen mir sehr häufig, dass sie in meinen Büchern viel mehr als nur einen klassischen Krimi finden.

 Warum ist Danzig der Schauplatz für “Das Mädchen aus dem Norden”?

Die 1990er Jahre in Polen waren eine sehr interessante, wenn auch gefährliche Zeit, ziemlich schwierig und verrückt aus der Sicht der ein-fachen Bürger. Die Mafia-Aktivitäten waren in voller Blüte und nicht nur auf die Unterwelt beschränkt. In der Zeit zwischen dem Fall des Kommunismus und bevor das neue politische und wirtschaftliche System vollständig etabliert war, gab es ein Feld, das sowohl rechtlich als auch strukturell unbeobachtet war. Die größten polnischen Mafiosos lebten und operierten in Danzig, Sopot und Gdynia.

Die meisten Ereignisse in der Unterwelt, die in “Mädchen aus dem Norden” beschrieben wer-den, basieren auf wahren Verbrechen, über die ich als junge Journalistin berichtet habe. Jahre später gelang es mir, Zugang zu Gerichtsakten und operativen Fallakten zu erhalten. Die Danziger Staatsanwaltschaft war so korrumpiert, dass das Zentralbüro für Ermittlungen (CBŚ) mehrere Jahre daran arbeitete und das Ermittlungsverfahren von anderen Einheiten überwacht wurde, weil es äußerst schwierig war, alle Ungereimtheiten und Verbrechen der polnischen Mafia Chefs zu beweisen. So hat interessanterweise das im Buch beschriebene Pyramidensystem ein reales Gegenstück. Und obwohl es ziemlich unwahrscheinlich erscheint, ist so etwas mehr als einmal in Polen passiert. Tatsächlich haben sich viele dieser Verbrecher seitdem zu beispielhaften Bürgern entwickelt – überreiche Geschäftsleute, die ihre Steuern ordnungsgemäß bezahlen und wohltätige Zwecke unterstützen. In ein paar Jahren wird sich wahrscheinlich niemand mehr daran erinnern, dass sie entweder ihre erste Million gestohlen oder jemanden getötet haben, um sie zu bekommen.

In meinem Buch habe ich versucht, ihren modus operandi zu beschreiben. Daher war die Wahl des Schauplatzes Danzig in keiner Weise sentimental oder auf Grund der malerischen Ostseeküste – sie basierte auf realen Fakten. Und es gab auch keine andere Möglichkeit, eine Geschichte darüber zu erzählen, wie junge Menschen sich in Polen in den 1990er Jahren in das Mafiasystem verstrickt haben könnten, als die Handlung in Danzig spielen zu lassen.

Katarzyna Bonda, 1977 in Hajnówka geboren, arbeitete nach ihrem Studium der Publizistik an der Universität Warschau mehrere Jahre als Journalistin und Dokumentarfilmerin, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. 2007 debütierte sie mit dem Roman “Sprawa Niny Frank” (Der Fall Nina Frank), für den sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Weitere Romane sowie zwei Sachbücher folgten. Katarzyna Bonda zählt heute zu den meist verkauften Autorinnen Polens. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Warschau.

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