Lesetipp: Sam Pivnik erzählt in “Der letzte Überlebende” von Auschwitz

Sam Pivnik ist „Der letzte Überlebende“ – der wahrscheinlich letzte Augenzeuge, der erzählt, wie er Auschwitz überlebte. Die Kindheit in Polen, das Vernichtungslager, der Weg nach Israel und das neue Leben in London sind die Stationen einer atemberaubenden Autobiografie, welche die dunkelsten Kapitel deutscher und europäischer Geschichte ausleuchtet. Sam Pivnik wurde 1926 in Polen geboren. Er und seine jüdische Familie wurden nach Auschwitz verschleppt, Sam wurde später von der britischen Armee befreit. Er war der einzige der Familie, der die Verfolgungen durch die Nazis überlebte. Heute erscheint seine Autobiografie in deutscher Übersetzung im Theiss Verlag.

„Nach rechts bedeutete Leben. Nach links bedeutete Tod im Gas. Keine Erklärungen, keine Begründungen. Nur eine lässige Bewegung eines Fingers in einem makellos sauberen Handschuh. Rechts, links, links, rechts, links, links.“ So beschreibt Sam Pivnik die Selektion an der berüchtigten „Rampe“ von Auschwitz. Sie ist längst zur Chiffre schlechthin für das Grauen der Shoa geworden. Hier, wo Nazischergen die neu ankommenden Juden aus den Zügen trieben, tat der Häftling mit der eintätowierten Nummer 135913 seinen Dienst, räumte zurückgelassene Gepäckstücke aus den Waggons. In „Der letzte Überlebende“ erinnert er sich nach 67 Jahren an die Jahre in der Tötungsmaschinerie Auschwitz. Es ist auch die Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden. Sam Pivnik dürfte eine der letzten Stimmen sein, die vom Unsagbaren erzählen.

An Pivniks 13. Geburtstag marschierte die Deutsche Wehrmacht in Polen ein. Er und seine Familie erleben im oberschlesischen Będzin im Zeitraffer, wie sich das jüdische Städtchen in die Hölle auf Erden verwandelt: Bombenterror, Einmarsch der Deutschen, Verhaftungen und Erschießungen, die Einrichtung des Ghettos, Deportationen. „Innerhalb von sieben Tagen war die Welt, die wir kannten, verstanden und liebten, verschwunden.“

Eine Zeitlang entkommt die Familie der Deportation – der Vater nähte Wehrmachtsuniformen und galt damit als „kriegswichtig“. 1943, nach einem Aufstand im Będziner Ghetto, wird die gesamte jüdische Bevölkerung deportiert. Es sind gerade einmal 40 Kilometer bis Auschwitz-Birkenau. Mutter, Vater, zwei Schwestern und drei jüngere Brüder werden gleich umgebracht. Pivnik kämpft immer wieder um sein Leben, übersteht den Typhus, Prügel, Unterernährung und Todesmarsch.

Pivnik erzählt von den täglichen Schikanen und den kleinen Versuchen, bei aller Erniedrigung einen Rest Würde zu behalten. Mit dem Blick eines Augenzeugen seziert er den Lageralltag: die Zählapelle, Zwangsarbeit und willkürliche Gewalt. Dabei erspart er dem Leser auch nicht die grausamen Details des KZ-Alltags. Stück für Stück legt er so das perfide Lagersystem frei. Es folgen die Befreiung, die Auswanderung nach Israel, das Abtauchen vieler Nazigrößen und der vergebliche Wunsch nach Gerechtigkeit. Das Persönliche ist immer eingebettet in das umfangreiche Hintergrundwissen, das ein Rechercheteam über Jahre zusammengetragen hat.

Pivnik selbst meinte einmal, dass er mehr als neun Leben aufgebraucht hätte. Tatsächlich war es reiner Zufall, dass er die Krankenstation von Mengele überlebte und noch rechtzeitig die brennende Cap Arcona verlassen konnte oder dass ihn im Israelischen Unabhängigkeitskrieg nur knapp eine Granate verfehlte. Es ist ein Leben, das genug Stoff für weitere Bücher bieten würde.

Die meisten werden etliche Bücher und Filme über den Holocaust kennen. Und doch ist dieses Buch der beste Beweis dafür, dass jedes Einzelschicksal einzigartig ist. Jedes von ihnen fügt neue Facetten zur großen, entsetzlichen Erzählung der Shoa hinzu. 1,5 Millionen Menschen starben in Auschwitz – Sam Pivnik ist einer der wenigen Überlebenden. Und er ist einer, der verstehen hilft, was damals geschah.

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