Unser Gedicht des Monats April

Hase Oolong (© Hironori Akutagawa)

Heute ist Gründonnerstag und damit steht Ostern vor der Tür. Aus diesem Grund ist unser Gedicht des Monats April „Drei Hasen“ von Christian Morgenstern.

Wir wünschen allen Lesern ein entspanntes und sonniges Osterfest mit feucht-fröhlichen Osterfeuern, leckerem Osterfrühstück und natürlich einem fleißigen Osterhäschen mit nicht zu einfallsreichen Versteck-Ideen.

Drei Hasen

Drei Hasen tanzen im Mondenschein
im Wiesenwinkel am See:
Der eine ist ein Löwe,
der andre eine Möwe,
der dritte ist ein Reh.

Christian Morgenstern

Wer fragt, der ist gerichtet,
hier wird nicht kommentiert,
hier wird an sich gedichtet;
doch fühlst du dich verpflichtet,
erheb sie ins Geviert,
und füge dazu den Purzel
von einem Purzelbaum,
und zieh aus dem Ganzen die Wurzel
und träum den Extrakt als Traum.

Dann wirst du die Hasen sehen
im Wiesenwinkel am See,
wie sie auf silbernen Zehen
im Mondschein sich wunderlich drehen
als Löwe, Möwe und Reh.

Christian Morgenstern (1871-1914)

Gedicht des Monats März

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)Anlässlich des 180. Todestages von Johann Wolfgang von Goethe am 22. März 2012 haben wir das Gedicht “Nähe” aus der Feder des wohl bedeutendsten deutschen Dichters zu unserem Gedicht des Monats gemacht.

Goethe, der zunächst als einer der wichtigsten Vertreter des Sturm und Drang galt, wurde in den 1790er Jahren zusammen mit Schiller, Herder und Wieland zum Wegbereiter der Weimarer Klassik. Besonders mit Schiller stand Goethe in regem geistigen Austausch. Eine viel zitierte Anekdote berichtet davon, dass Goethe in Schillers Unterlagen ein unvollendetes Gedicht fand: „Er saß auf ihres Bettes Rand und spielte mit den Flechten“, das ersterer prompt und ohne Wissen Schillers weiterführte mit den Worten: „Das tat er mit der linken Hand – was tat er mit der rechten?“

Nähe

Wie du mir oft, geliebtes Kind,
Ich weiß nicht wie, so fremde bist,
Wenn wir im Schwarm der vielen Menschen sind,
Das schlägt mir alle Freude nieder.
Doch ja, wenn alles still und finster um uns ist,
Erkenn ich dich an deinen Küssen wieder.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Gedicht des Monats Februar

Am 14. Februar war Valentinstag. Und da an diesem Tag alles im Zeichen der Liebe und der Sinnlichkeit steht, ist unser Gedicht des Monats „Diese schönen Gliedermassen“ von Heinrich Heine (1797-1856), der zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern des 19. Jahrhunderts zählt. Er gilt als „letzter Dichter der Romantik“ und zugleich als deren Überwinder. Hermann Kesten befindet über Heine:

„Er ist ein großer Lyriker. Mit dem ganzen Märchenglanz und Traumleben der Romantik blieb er der witzigste Realist der deutschen Literatur.“

Moritz Daniel Oppenheim: Heinrich Heine, 1831, Kunsthalle HamburgDiese schönen Gliedermassen

Diese schönen Gliedermassen
Kolossaler Weiblichkeit
Sind jetzt, ohne Widerstreit,
Meinen Wünschen überlassen.

Wär ich, leidenschaftentzügelt,
Eigenkräftig ihr genaht,
Ich bereute solche Tat!
Ja, sie hätte mich geprügelt.

Welcher Busen, Hals und Kehle!
(Höher seh ich nicht genau.)
Eh ich ihr mich anvertrau,
Gott empfehl ich meine Seele.

Heinrich Heine (1797-1856)

Unser Gedicht des Monats Januar

MarienkäferMit den besten Wünschen für das neue Jahr ist unser Gedicht des Monats Januar Wilhelm Buschs “Neujahrswunsch”. Der 1908 verstorbene deutsche Lyriker und Zeichner zählt zum Urgestein der humoristischen deutschen Dichtkunst. Sein berühmtestes Werk Max und Moritz ist eines der meistverkauften Kinderbücher der Welt und wurde mittlerweile in mehr als 150 Sprachen und Dialekte übersetzt.

Neujahrswunsch

Will das Glück nach seinem Sinn
dir was Gutes schenken,
sage Dank und nimm es hin
ohne viel Bedenken.
Jede Gabe sei begrüßt,
doch vor allen Dingen:
Das, worum du dich bemühst,
möge dir gelingen.

Wilhelm Busch, 1832-1908

Unser Gedicht des Monats Dezember

Mit Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, Lebkuchen zum Adventskaffeetrinken, festlichem Lichtschmuck an allerlei Hausfassaden und den ersten Spaziergängen in verschneiter Winterlandschaft ist klar: Es weihnachtet. Und da in der Adventszeit bereits alles im Zeichen des Weihnachtsfests steht, heißt unser Gedicht des Monats Dezember “Weihnachten” von Joachim Ringelnatz.

Weihnachten

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit.
Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
schöne Blumen der Vergangenheit.

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
und das alte Lied von Gott und Christ
bebt durch Seelen und verkündet leise,
dass die kleinste Welt die größte ist.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)