“Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes” von Clemens J. Setz

Mit seinem 700 Seiten starken Roman Die Frequenzen hat er einen der bislang erfolgreichsten Romane des neuen Jahrhunderts vorgelegt, nun brilliert der österreichische Autor Clemens J. Setz mit dem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes in der kurzen Form.
Am 17.3.2011 hat Clemens Setz damit den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen.

Die Realität, die in den 18 Erzählungen in großer Detailversessenheit beschrieben wird, ist dabei nicht ganz die unsere. So bildet das Zentrum eines Literaturarchivs nicht etwa eine Sammlung von originalen Schriftstücken, sondern das Original selbst: der Autor in einem Gitterbett. In einer anderen Geschichte werden die Visiten- und Kreditkarten einer jungen Frau von seltsamen Pusteln befallen, die langsam auf ihr gesamtes Hab und Gut übergreifen. In der Titelgeschichte schließlich treibt die Lehmskulptur eines Kindes, vom Publikum ewig formbar, eine ganze Stadt fast in die Anarchie.

Sprachlich ausgefeilt, voller unglaublicher Einfälle und Figuren, werfen Clemens J. Setz Geschichten über andere Wirklichkeiten ein Licht auf das Unheimliche und Bedrohliche auch an unserer Realität. Faszinierend dabei: Setz schafft es, auch noch die seltsamsten Charaktere nachvollziehbar und sogar sympathisch scheinen zu lassen.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Erzählungen die Lieblinge der Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse sind. Gegönnt wäre ihm dieser Preis auf jeden Fall!

Margriet de Moor: “Der Maler und das Mädchen”

Margriet de Moor, Der Maler und das Mädchen Historische Romane stehen häufig in dem Ruf, eine reine Folie für Liebesgeschichten, Sex und Crime zu sein. Margriet de Moors Roman Der Maler und das Mädchen enthält zwar alle diese Elemente, doch könnte er nicht ferner sein von den Historienschmökern einer Iny Lorentz. Ein im Roman namenloser Maler, in dem unschwer Rembrandt zu erkennen ist, malt im Amsterdam des 17. Jahrhunderts große Gemälde, die allerdings bei den Auftraggebern nicht immer gut ankommen, er hat Geldsorgen, seine Frau ist an der Pest gestorben. An einem Tag im Jahr 1664 er zieht durch die Straßen und überdenkt sein Leben.

Auf der anderen Seite steht Elsje, ein junges Mädchen aus Jütland, das sich auf der Suche nach seiner Schwester nach Amsterdam aufgemacht und dort durch eine Verkettung unglücklicher Umstände seine Zimmerwirtin mit einem Beil erschlagen hat. An diesem Tag wird sie öffentlich gehängt.

„Elsje Christiaens hanging on a Gibbet”, zwei kleine Zeichnungen, die heute im Metropolitan Museum in New York hängen, sind der Ausgangspunkt, den Margriet de Moor für ihren Roman genommen hat, die einzigen Zeichnungen Rembrandts nämlich, die nicht im Atelier entstanden sind und durch ihre Detailliertheit und Lebensechtheit beeindrucken. Was mag Rembrandt dazu veranlasst haben, in diesem Fall tatsächlich „nach dem Leben“ zu zeichnen?

Eingebettet in die Geschehnisse des einen Tages erzählt Margriet de Moor Szenen aus dem Leben ihrer beiden Protagonisten, wobei sie sich eng an die bekannten Tatsachen hält, und aus diesen einzelnen Schlaglichtern wächst ein großes Bild des Lebens im Amsterdam des 17. Jahrhunderts, des Lebens als Künstler und als einfache Dienstmagd, nicht zuletzt wird daraus ein Reflektion über die Kunst und das Leben selbst.

Schon in „Erst grau, dann weiß, dann blau“, dem Roman, mit dem sie bekannt geworden ist, gelang es Margriet de Moor, das Innenleben ihrer Figuren sichtbar zu machen – diese Kunst ist ihr auch in ihrem neuen Roman wieder meisterlich geglückt. Ein wirklich großer Roman – als Künstlerroman ebenso wie als historischer Roman.

“Der entsetzliche Mr. Gum und die Kobolde” von Andy Stanton

Andy Stanton, Der entsetzliche Mr. Gum und die Kobolde Mit Sie sind ein schlechter Mensch, Mr. Gum hat Autor Andy Stanton einen wirklich miesen Charakter zum Helden eines Buches gemacht: Schmierig, schlampig, schrecklich und im ewigen Kampf gegen die Kinder der Nachbarschaft, zu allem Übel auch noch von einer mit einer Bratpfanne um sich schlagenden Fee gezwungen, seinen Garten auf das Schönste in Ordnung zu halten. So weit, so unterhaltsam – doch die eigentliche Erfolgsformel des Buches sind die absurden Wendungen, die unerwarteten Einschübe, die skurrilen Charaktere, die ganz in der Tradition eines Philip Ardagh stehen und die von Harry Rowohlt kongenial ins Deutsche übersetzt wurden.

So besteht das Kapitel „Mr. Gum trinkt einen Tee“ allein aus dem Satz „Mr. Gum trank einen Tee.“, ein Hund ist „so freundlich wie Toast“ verwüstet Mr. Gums sorgsam gepflegten Garten, und ein Mädchen heißt „Jammy Grammy Lammy F’Huppa F’Huppa Berlin Stereo Eo Eo Lebb C’Yepp Nermonica le Straypek de Grespin de Crespin des Spespin de Vespin di Schwupp di Wupp de Brönckel Frohe Weihnachten Lenoir“, wird von ihren Freunden aber Polly genannt.

Dieses Mädchen und ihr Helfer Freitag O’Leary, ein Mann, „so alt wie die Hügel und so weise wie die Hügel, aber nicht ganz so groß wie die Hügel“ sind die guten Gegenspieler des bösen Mr. Gum und immer zur Stelle, um den toastfreundlichen Hund, das Städtchen Lamonisch an der Bibber und überhaupt die ganze Welt vor dessen bösen Machenschaften zu bewahren.

Der entsetzliche Mr. Gum und die Kobolde ist nach Mr. Gum und der Mürbekeksmillionär nun bereits das dritte ins Deutsche übersetzte Buch der Reihe, die im Englischen bereits acht Bände zählt. Mr. Gum ist eher noch gemeiner geworden und hat sich mit ebenso gemeinen Kobolden verbündet, um seine Stadt zu quälen – und wieder sind Polly und Freitag gefordert, den Kampf gegen ihn aufzunehmen. Erstaunlicherweise ist der Humor auch in der Fortsetzung kein bisschen schlapper geworden, die Witze funktionieren genau so gut wie in den ersten beiden Teilen und lassen auf viele weitere absurd-komische Abenteuer hoffen!

Übrigens: Um das Vergnügen noch zu steigern, empfehlen sich die Hörbücher, gelesen von Harry Rowohlt mit seinem unvergleichlichen Brummelbass und genauem Gespür für Betonung und Timing. Für alle Kinder ab 8 Jahre – und alle, die das Lachen nicht verlernen wollen!

Rezension zu Paul Austers “Reisen im Skriptorium”

Die Kritiken zu Austers Reisen im Skriptorium erklären in der Regel einhellig: Nicht sein stärkstes Werk. Zu postmodern. Zu verschlungen erzählt. Zu selbstreferentiell. Langweilig sei der Roman, ein eitler Selbstvergewisserungsversuch, nur etwas für die Hartgesottensten unter den Auster-Fans. Wir wollen nun eine Lanze brechen für Austers nicht ganz einfachen Roman.

Paul Auster schreibt von der der Vergänglichkeit der Dinge, vom Sterben und von der Auflösung der fassbaren Realität. Sein Held, der alternde Mr. Blank, sieht sich konfrontiert mit dem Erleben seiner fortschreitenden Demenz. Wo er ist, warum er dort ist, ob er dort sein will, und wer die Menschen sind, die ihm begegnen, ist rätselhaft – für ihn selbst wie für den Leser. Das Manuskript, das auf seinem Schreibtisch liegt, erzählt von der wirklichen Vergangenheit, oder auch nicht. Kurze Erkenntnismomente werden gefolgt vom großen Schwamm, der den sich gerade herausbildenden Plan zur tabula rasa macht. Was sich ihm vage und verschwommen als Realität offenbart, ist es vielleicht doch nicht. Wer weiß. Was solls.

Wie bei Auster übrigens (fast) immer, verschwimmt also die Grenze zwischen Realität und Illusion. Die Dekonstruktion dessen, was als gesetzt gilt, ist Bestandteil der meisten seiner Bücher. Er versucht gar nicht erst, eine kohärente Geschichte zu schreiben, die die Wirklichkeit abbilde. Dass sich dies in Reisen im Skriptorium etwas exzessiver manifestiert als in anderen seiner Werke, ist nicht nur eine literarische Stilübung, sondern vermittelt eben das, was der Protagonist durchlebt. Wenn da Figuren aus anderen Auster-Romanen auftreten, die zuweilen als bunte und sinnentleere Collage früherer Bedeutung erscheinen und nicht die sind, die sie sein müssten, wenn es hier mit Logik zuginge, vermittelt das doch eben Mr. Blanks Gefühl des Ausgeliefertseins und des Fremdseins in einer Welt, die ohne Landkarte der Erinnerung nicht richtig funktionieren will. Das hat mit Selbstbeweihräucherung über die vorangegangenen Werke oder dem zur Schau stellen eines übertrieben umgesetzten Poststrukturalismus wenig zu tun. Auster erzählt eine Geschichte, und er tut dies mit aller Konsequenz.

Zugegeben, Auster-Neueinsteiger werden wohl nicht in den vollen Genuss des Romans kommen, weil ihn eben der Austersche Kosmos noch nicht geläufig ist. Das macht ihn aber nicht minder brillant. Wer die auf seltsame Art deplatzierten Figuren aus anderen Kontexten (d.h. aus anderen Auster-Texten) wiedererkennt, vielleicht nur schattenhaft, nur über das Gefühl: “warte mal, da war doch was”, der gewinnt ein Gefühl für das, was Mr. Blank durchmacht, das eben nur so zu erzielen ist. Gerade darin liegt ja das Meisterhafte. Auster findet neue Wege, etwas zu vermitteln, was schwer zu veranschaulichen ist.

Dass man bei Auster keine vorgekaute Kost serviert bekommt, noch mal aufgewärmt und in mundgerechte Häppchen portiert, ist so. Das macht ihn aus, das mögen seine Fans.

Fazit: Ein Auster in Reinkultur – verworren. Verwirrend. Brillant.